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Sandhausen: Eine Einführung

April 23rd, 2012

Im Sommer 2003 habe ich meine Freundin kennengelernt. Auf die Frage, wo sie herkommt, sagte sie “Sandhausen. Bei Heidelberg. Die haben mal den VfB Stuttgart aus dem DFB-Pokal geschmissen”. Nun war das der Herbst meiner fußballlosen Zeit, aber irgendeine Erinnerung klimperte da schon in meinem Hinterkopf. Erstligablamagen gegen Amateurclubs bleiben halt doch im Gedächtnis.

Nun, fast neun Jahre (huiuiui) später wohne ich selbst über Umwege in der Gegend. Auf dem Weg zur Uni fahre ich täglich am Hardtwaldstadion vorbei, mit dem Fahrrad brauche ich von meiner Haustür fünf Minuten. Und am Samstag ist der Verein in die zweite Liga aufgestiegen und scheint zur Chiffre für Zweitligaprovinzialität werden, die bis vor einem Jahr Paderborn war. Drum: Eine Einführung in das Phänomen SV Sandhausen von einem, der immerhin schon in der Oberliga zu Besuch war.

Der Ort

Sandhausen, das sollte man mittlerweile wissen, liegt in der Nähe von Heidelberg. In meiner Headergrafik ist es als “Santhausen” eingezeichnet (im Gegensatz zu meinem Wohnort Walldorf und auch Hoffenheim). Früher bekannt für seinen Tabak- und Hopfenanbau (der heute noch zur Folklore gehört), ist es heute ein klassisches Speckgürteldorf, von dem aus jeden Morgen die Kombi-Kolonnen nach Heidelberg, Mannheim und zum SAP-Campus rollen. Zwei REWE-Märkte, viele Geländewagen die noch nie Schlamm gesehen haben. Alte Menschen, die man als Mensch “aus dem Norden” (oberhalb von Frankfurt) vor Dialekt kaum versteht, einzelne Studenten, die sich die horrenden Heidelberger Mieten nicht leisten können oder wollen, viele (VIELE) Familien. Man kann es schon so sagen: Sandhausen als Ort ist ziemlich langweilig. Aber drumherum ist es schön: Zwei große alte Dünen sind zum Spazierengehen lohnenswert, eine davon ist fußläufig vom Stadion zu erreichen und wirklich einen Blick wert. Aber genug davon.

Der Verein

Man kann es ja nochmal sagen: Hinter dem SV Sandhausen steckt kein Mini-Hopp, sondern nur ein Jürgen Machmeier, Bauunternehmer, der den Verein seit 13 Jahren solide führt – und springt für ein halbes Jahr auch mal als Trikotsponsor ein, wenn sonst keiner gefunden wird. Bis zum letzten Jahr warb der Puffreisschokoladenhersteller Nippon auf den Trikots, danach spielte man bis zur Winterpause sponsorenlos. Unangenehm, aber hübsch. In der zweiten Liga wird sich sicher ein anderer Sponsor finden lassen. Capri-Sonne ist um die Ecke, das wäre doch nett.

Das Stadion

Als ich 2004 das erste Mal das Hardtwaldstadion besuchte, war niemand da. An einem Werktagvormittag spazierte ich hin, um es mir anzugucken. Nirgendwo waren verschlossene Tore oder Absperrungen, man konnte einfach auf die Haupttribüne gehen, auch der Rasen wäre begehbar gewesen. Nach dem “Aufstieg” in die Dritte Liga wurde das Stadion den Lizenzbedingungen angepasst und an der Südseite des Feldes erstmals eine Tribüne errichtet, Sitzplätze als schnell abbaubare Stahlrohrkonstruktion. Ansonsten besteht das Stadion bislang in erster Linie aus Stehplätzen und einer Ehrentribüne. Der Umbau im Sommer wird sicher kommen, ich bin gespannt, wie es am Ende aussieht. In jedem Fall ist das Hardtwaldstadion ein echtes Schmuckstück. Mit einem Regenschirm könnte man vom eigenen Sitz aus Spieler pieksen, die Ecken schießen, hinter den Zäunen erheben sich die Kiefern des Waldes, die Imbissrentner sind freundlich. Es ist klein, aber es ist schön.

Der Trainer

Gerd Dais ist ein besonderer Trainer. Allein schon deswegen, weil er mittlerweile drei Mal Trainer in Sandhausen war. In fünf Jahren zwischen 2005 und 2010 brachte er den Club aus der Oberliga in die Regionalliga Süd, machte ihn dort direkt nach dem Aufstieg zum Herbstmeister und etablierte ihn in der neuetablierten Dritten Liga. Und wurde dann im Februar 2010 wegen Erfolglosigkeit entlassen – als noch keiner ahnte, dass es noch erfolgloser geht. Diesen Beweis erbrachten Frank Leicht und Pavel Dotchev, so dass Dais ziemlich genau ein Jahr nach seiner Entlassung zurückkam.

Der Kader

Der SV Sandhausen sucht sich seine Spieler bevorzugt aus der Region und von den U23-Mannschaften von Erstligisten. Die Leistungsträger Julian Schauerte, Marcel Kandziora und Marco Pischorn kamen aus Leverkusen, Dortmund und Stuttgart und wurden in Sandhausen Stammspieler. Der Außenstürmer Danny Blum, aktueller U20-Nationalspieler, durchlief die Jugendzentren von Kaiserslautern und Schalke. Der andere Kaderpfeiler liegt auf bewährten Spielern aus der zweiten und dritten Liga, die meist zur großen Transferoffensive der Saison 2010/11 verpflichtet wurden. Da wäre Regis Dorn, der prompt Torschützenkönig wurde, heute aber eher als Joker eingesetzt wird, David Ulm, der als laufstarker Zehner sicher seinen Weg in Liga 2 gehen wird und Torwart Daniel Ischdonat, der eigentlich als Torwarttrainer geholt wurde und dann doch wieder auf den Platz ging. Und dann wäre da noch Publikumsliebling Roberto Pinto, der nach Stationen beim VfB Stuttgart, Hertha BSC und Grasshopper Club Zürich schon 2008 in Sandhausen landete und hier immer noch eine wichtige Rolle spielt.
Das Team ist ziemlich jung. Das Durchschnittsalter des Kaders beträgt 25,9 Jahre, ohne Ischdonat, Pinto und Dorn ist es ein Jahr weniger. Mit diesem Altersschnitt befindet man sich im Drittligamittelfeld, in der zweiten Liga sieht es ähnlich aus.

Der Fußball

Dais lässt keinen berauschenden Fußball spielen. Nach einigen Umstellungen ist er derzeit bei einem 4-1-4-1-System angekommen, das je nach Situation zu einem 4-2-3-1 wird. Der Fokus liegt auf der starken Abwehr, Offensivfeuerwerke sieht man eher selten.
Die Innenverteidigung Pischorn/Schulz gehörte in der aktuellen Saison zu den besten der Dritten Liga – kopfball- und zweikampfstark, allerdings nicht übermäßig schnell. Dies führte dazu, dass die Viererabwehr eher selten aufrückte, wobei die Außenverteidiger zumindest bis hinter die Mittellinie gingen. Der Spielaufbau lief meist über den Sechser, der dann im Mittelfeld direkt vier Anspielstationen hatte. Frank Löning als einziger Stürmer ließ sich gleichzeitig oft zurückfallen, wodurch die beiden Außenbahnspieler zu Stürmern wurden. Das Spiel des SV Sandhausen ist unaufgeregt, aber schlecht berechenbar. 15 verschiedene Torschützen in dieser Saison zeigen das sehr anschaulich.

Topspieler

Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass es für Sandhausen wahrscheinlich ein einjähriges Gastspiel bleiben wird. Und dass danach einige Spieler oben bleiben, bei anderen Vereinen. Darum hier meine Tipps für Spieler, die man sich aus auch als kicker-Manager zur nächsten Saison kaufen kann:

Marco Pischorn: Groß, zweikampfstark, torgefährlich. Unumstrittener Stammspieler, der fast nie Fehler macht.


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David Ulm: Ein unfassbares Laufwunder. Solchen Einsatz habe ich ansonsten im Stadion bislang nur von Ivica Olic und Kevin Großkreutz erlebt, dabei ist er stets anspielbar, spielt gute Pässe, schießt gute Standards und schießt Tore. Und holt mehrmals pro Spiel schon vor der Mittellinie verlorene Bälle selbst zurück. Eigentlich schon jetzt zu gut für die Dritte Liga.

Danny Blum: Einer zum Verzweifeln. Zeigt alle Ansätze um der beste Fußballer des Vereins zu sein, ist schnell, hat eine gute Technik und ist durchsetzungsfähig. Aber zum richtigen Durchbruch hat es noch nicht gereicht. Nächste Saison könnte es durchaus so weit sein.

8 Responses to “Sandhausen: Eine Einführung”

  1. MikeWerner

    Sehr netter Einblick, aber mal ganz ehrlich,was macht diesen Verein aus deiner Sicht zu einer Bereicherung für den Profi-Fußball?
    Oder ist der SV Sandhausen nicht viel mehr Ausdruck eines anwachsenden Gefälles zwischen den wirtschaftsstarken Regionen in Süd-und Westdeutschland und den weniger starken Regionen im Norden und Osten?

  2. moritz

    Interessante Frage. Wenn ich ehrlich bin, ist mir der Bereicherungsfaktor erstmal egal, wenn ich Zweitligafußball vor der Haustür sehen kann. Was eine Bereicherung ist, ist das Stadion. Sowas nettes habe ich in dieser Größe nämlich noch nicht gesehen. Ansonsten ist es natürlich so, dass die wirtschaftliche Stärke der Region dem Verein ungemein hilft und ihm einen Vorteil gegenüber, sagen wir, Rostock und Lübeck gibt. Die Frage ist, ob das irgendein Faktor sein darf, wir sind hier ja beim Sport und nicht bei der Zonenrandgebietsförderung. Sandhausen ist jedenfalls ein sehr kleiner Verein mit einer langen unterklassigen Tradition, der es jetzt durch solide Arbeit nach oben geschafft hat. Dafür muss sich keiner entschuldigen. In Leipzig hat man einen drei mal so hohen Etat und spielt zwei Ligen drunter.

  3. MikeWerner

    Ich habe mich da vielleicht etwas ungenau ausgedrückt, es ging mir nicht um das Beklagen des Schicksals der Ostvereine, schlechtes Wirtschaften und anhaltender sportlicher Niedergang darf nicht aus Sentimentalität mit einer bestimmten Ligazugehörigkeit belohnt werden.Letztendlich entscheiden die sportlichen Leistungen, ganz klar. Nur finde ich den durchaus offensichtlichen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit einer Region und der Zahl der ansässigen Profi-Vereine für bedenklich. Denn genau betrachtet enden die mit Dorfcharme erklärten Phänomene nach kurzem Sympathisantentum recht schnell als graue Mäuse. Und das finde ich als Fußballfan schwer zu ertragen. Die Erklärung dass man aus Bequemlichkeit Profifußball vor der Haustür einem prall gefüllten Stadion mit klasse Feeling vorzieht, das sich nur wenige Autostunden entfernt befindet, finde ich etwas dünn.

  4. moritz

    Aber eine solche kritische Bestandsaufnahme verlangt dann doch auch nach Lösungsansätzen. Und die gibt es ja nicht. Natürlich ist Sandhausen eine graue Maus, und dass es hier keinen Unterpunkt “Fankultur” gibt liegt einzig daran, dass es so gut wie keine Fankultur gibt. Ob sich das ändert, wird man in der kommenden Saison sehen.
    Letzten Endes ist es wieder die Frage danach, wem der Fußball gehört. Den Vereinen, den Spielern, den Funktionären oder den Fans?

  5. Lesenswertes KW 17 2012 | Stadioncheck.de

    [...] Sandhausen: Eine Einführung | Sportteil.net [...]

  6. Huge

    Ich hab mich mal für eine Story mit dem Verein und dem Umfeld befasst und fand das alles sehr sympathisch – guter Fußball in einem kleinen Dorf, das Stadion, der für den Erfolg minimale Zuschauerzuspruch.

    Nicht so, dass man dort leben oder Fan sein wollte, aber sympathisch. Ich freue mich auf Sandhausen in der Zweiten Liga.

  7. moritz

    Die Story würde ich gerne mal lesen.

  8. #Blog11: Homophobie für Schwuchteln,Talibanvideos & Sandhausen | "Reeses Sportkultur"

    [...] #11 Sportteil.net: Sandhausen: Eine Einführung [...]

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