Vor drei Jahren habe ich mich hier einmal wahnsinnig in die Nesseln gesetzt mit einer Prognose, wer demnächst in der Nationalmannschaft debütiert. Ich verlinke das aus Selbstschutzgründen nicht, aber ich verrate: Ich erwähnte Andreas Wolf und Marc Stein.
Nun ist die Weltmeisterschaft 2010 für die deutsche Nationalmannschaft vorbei, und ich wage einen neuen Anlauf. Dieses Mal nicht aus dem Bauch heraus, sondern von der Frage geleitet, wo die Mannschaft bis zur EM 2012 noch Verbesserungspotenzial besitzt.
Tor:
Gut, Jörg Butt wird nach dieser WM wohl seine Nationalmannschaftskarriere beenden. Dennoch ist hier keine Not am Mann. Manuel Neuer, Tim Wiese und René Adler werden gesetzt sein, und jeder von ihnen wäre eine sportlich taugliche Nummer 1. Was für ein Luxusproblem.
Abwehr:
Man muss in Zukunft nicht mehr unbedingt mit Arne Friedrich rechnen, trotz seiner überragenden WM. Man darf davon ausgehen, dass ein neuer Innenverteidiger neben Per Mertesacker gesucht wird. Und da drängen sich eine Menge Kandidaten auf. Mats Hummels durfte reinschnuppern, Heiko Westermann wird von Löw geschätzt, Christoph Metzelder könnte unter Magath nochmal aufblühen. Aber es gibt vielversprechenden Nachwuchs:
- Benedikt Höwedes: Einer, wie in jeder Trainer gerne hätte. Hinten solide, bei Standards vorne torgefährlich, beidfüßig, flexibel. Bei Schalke und in der U21 hat er schon alle Positionen in der Viererkette gespielt. Einer, der in die Löw-Schule passt: Im Ton zurückhaltend, im Spiel fair, aber kompromisslos. Könnte schon in einem Monat gegen Dänemark im Kader stehen
- Dennis Diekmeier: Einer, der gemessen an seinen Spielen, erstmal unter dem Radar laufen dürfte, weil er noch Fehler macht. Das darf er, er ist erst 20. Dennoch kein Zufall, dass Wolfsburg und der HSV schon viel Geld für ihn geboten haben und dass er jetzt, glaubt man den Gerüchten, nach Bologna wechselt. Offensiv denkend, hinten mit allen Anlagen in Zweikampfstärke und körperlicher Präsenz. Macht er den nächsten Schritt, könnte er 2011 ins Blickfeld rücken.
- Marcel Schmelzer: Wer es bei der WM nicht gesehen hat: Die deutsche Nationalmannschaft hat ein Linksverteidigerproblem. Aogo überfordert, Badstuber eigentlich zentral besser aufgehoben, Jansen vorne links deutlich besser, Boateng halt ein Rechtsfuß. Marcel Schmelzer hat beim BVB den Dortmunder Liebling Dédé verdrängt, und das zu Recht. Defensiv mittlerweile so solide wie ein alter Hase, nach vorne noch zu hastig. In der Nationalmannschaft hätte er Lukas Podolski vor sich, da ist eine Absicherung nicht unwichtig. Könnte bei Bestätigung seiner Leistungen den Platz Aogos einnehmen
Mittelfeld:
Im Mittelfeld ist die Frage der Re-Integration Ballacks vorrangig spannend. Man muss sich das mal vorstellen: Das WM-Mittelfeld war im Durchschnitt nicht einmal 23 Jahre alt. Was soll da noch kommen? Zumal auf der 6 mit Ballack, Rolfes und Träsch noch drei Kandidaten aus der Verletzungspause zurückkommen? Trotzdem gibt es auch hier Kandidaten
- Sven Bender: Allenthalben wurde in den ersten Berichten über die Bender-Zwillinge durchklingen gelassen, Lars wäre der etwas talentiertere Bruder. Deswegen wechselte er auch für 2,5 Mio Euro nach Leverkusen, während Sven schnöde mit Antonio Rukavina verrechnet wurde. Lars spielte in seiner ersten Erstligasaison 737 Minuten, wurde 14 Mal eingewechselt. Sven, “der Kleineâ€, spielte doppelt so lang, so dass mir BVB-Fans überrascht berichteten, dass sie Sebastian Kehl auf der 6 neben Nuri Sahin kaum vermissten. Wie Stefan Reinartz ein kompromissloser Abräumer. Spätestens nach Ballacks Karriereende ein sinnvoller Partner für Schweinsteiger
- Timo Gebhart: Mit diesem jungen Mann hatte ich lange ein Problem. In der U19 sah ich ihn das erste Mal, da war er ein überragender Techniker ohne Sinn für irgendeinen Mannschaftsdienst. Einer der am Ball alles konnte, aber ohne Ball nichts, der nie den besser stehenden Mitspieler sah. Das legt sich in Stuttgart langsam, Trainer Gross dürfte es ihm (bildlich gesprochen) rausprügeln. Auf der Außenbahn ein Kandidat als Abwehrblockausdribbler.
- Marco Reus: Keine besonders risikoreiche Wahl: Er sollte schon im Länderspiel gegen Malta debütieren, musste aber verletzungsbedingt absagen. Ein beidfüßiger, schneller, torgefährlicher Flügelspieler, den Gladbach, wie man einfach mal sagen muss, wirklich gut gescoutet und für wenig Geld verpflichtet hat. Wie Höwedes vielleicht schon in einem Monat dabei.
Angriff:
Vielleicht bin ich der einzige, der das so sieht, aber: Deutschland hat im Nachwuchsbereich ein Sturmproblem. Das Problem ist so groß, dass Sandro Wagner bei der letztjährigen U21-EM einziger ernstzunehmender Stürmer war. Richard Sukuta-Pasu, als großes Talent gehandelt, ist bei seiner Leihstation St. Pauli auch nur Joker. Ein Turnier lang dürfte es mit Klose noch laufen, danach müssen es Gomez, Kießling, Cacau und Podolski richten. Ob Helmes noch einmal auf sein Top-Niveau kommt, bezweifle ich leider, leider ein bisschen. Und nur einer von den genannten ist wirklich kopfballstark. Es fehlt an spielerischer Variabilität. Allerdings habe ich meine Zweifel, dass sich dort derzeit jemand anbietet. Deswegen nur im Schnelldurchlauf:
- Julian Schieber hat sehr gute Ansätze gezeigt und hat jetzt ein Jahr Zeit, diese als Stammspieler beim 1. FC Nürnberg zu bestätigen. Möglich ist das, zwingend keineswegs. André Schürrle hat eine gute erste Profisaison bei einer weit über ihren Möglichkeiten spielenden Mainzer Mannschaft gespielt, hat allerdings trotzdem nur fünf Tore erzielt. Richard Sukuta-Pasu hat man seit Jahren für später auf dem Zettel, dafür müsste er aber bei St. Pauli wie gesagt langsam mal den Durchbruch schaffen. Sandro Wagner durfte in den U-Mannschaften spielen und sich jetzt bei Werder Bremen beweisen, ist aber eigentlich zu staksig und technisch schwach, zudem werden ihm (ohne Gewähr!) charakterliche Defizite nachgesagt. Savio wurde für viel Geld in Europa herumgereicht und ist jetzt erstmal bei 1860 München gestrandet. Hoffen wir, dass er dort mal endlich Qualitäten nachweisen kann.

