Unsere erste Saison

Vor knapp zwei Wochen bist du acht Monate alt geworden, und auch wenn du dich noch nicht angeregt mit mir über Fußball unterhalten kannst, ist es doch an der Zeit, dir von unserer ersten Saison zu erzählen. Kleiner Mann, wenn ich über die Zukunft nachdenke hoffe ich dass es dir, deiner Mutter und mir gut geht, dass wir immer für dich sorgen können und dass du kein Hoffenheim-Fan wirst, wie es bestimmt viele deiner zukünftigen Freunde und Mitschüler sein werden. Vielleicht interessierst du dich auch überhaupt nicht für Fußball, damit würde ich leben zu können lernen, aber diese reichlich unvernünftige Liebe deines Vaters für den 1. FC Köln, die wirst du anzuerkennen haben.

Es war der zehnte Spieltag der Saison 2013/14, zweite Bundesliga (ja, da hat der 1. FC Köln mal gespielt – unvorstellbar in der Zukunft, in der du das hier lesen kannst!), und wir warteten auf dich, einige Tage mehr als die Ärztin errechnet hatte hattest du dir schon gelassen. Der 1. FC Köln spielte in Karlsruhe, direkt hier um die Ecke, und es war überhaupt nicht schlimm, dass ich nicht hin konnte. Ich hatte schon genug Sorge dass alles gut geht, aber das hier war neu: Selbst wenn alles gut ging war es nicht vorbei wie eine Klassenarbeit, die Führerscheinprüfung oder der Zahnarzttermin, danach würdest du da sein, und zwar für immer, und so schön das ist, es hat mir den Schweiß auf die Stirn getrieben.

Ich saß also neben deiner Mutter und aktualisierte regelmäßig den Liveticker. Wir waren nicht so wahnsinnig gut in die Saison gestartet, aber es schien besser zu werden. Und jetzt war die Gelegenheit da, zumindest bis Montag abend auf Platz 1 zu springen, wenn wir gegen Karlsruhe gewinnen würden. Und es ging recht gut los. 39. Minute, Foulelfmeter für Köln. Risse tritt an, schießt mit voller Kraft, trifft nur die Latte. Weiter geht’s. Noch während der Ticker in den dicken Krankenhausmauern den Kommentar zum Fehlschuss lädt, gibt es den nächsten Elfmeter. Patrick Helmes tritt an, schießt, trifft den Pfosten. Der zweite Aluminiumtreffer in vier Minuten.

Und dann kommt es, wie es im Fußball kommen muss. Halbzeit, Seitenwechsel, Karlsruhe schießt ein Tor. Sieben Minuten später gleicht Helmes aus, aber das reicht nicht. Und während ich mir regelmäßig den Schweiß von der Stirn wische ob der absurden Situation in der ich mich gerade befinde, resigniere ich langsam. Wenn wir das schon gegen den KSC nicht hinkriegen, dann wird das auch in dieser Saison nichts mit dem Aufstieg.

In der 90. Minute, letzter Angriff, Slawomir Peszko will schießen, der Ball verspringt ihm, Miso Brecko, unser sagenhaft torungefährlicher Außenverteidiger, kommt dran, rennt weiter, verliert den Ball, wird von einem Karlsruher Abwehrspieler angeschossen, der Ball geht ins Tor, Siegtreffer, Ende, Aus. Und eine Minute nach dieser Absurdität ist Fußball wieder Nebensache, so selten das ist.

Und wir warten weiter, der Erstligasamstag geht vorbei, der Sonntags-Doppelpass geht vorbei, die Spiele der zweiten und der ersten Liga, und du lässt uns weiter warten. Am Sonntagabend gibst du ein erstes Startsignal, ab dem wir alle in den völligen Ausnahmemodus gehen. Aber auch das reicht dir noch nicht. Die Nacht sind wir wach, den Morgen, den Mittag, den Nachmittag, und am Montag abend beginnt die Hebamme wieder ihre Schicht, die schon am Sonntag für deine Mutter (und auch für mich) da gewesen war.

Aber du hattest einen Plan, dessen bin ich mir sicher. Der Spieltag der zweiten Liga endet erst Montags um 22 Uhr, und wie auch immer du das gewusst hast, du wusstest das. Und du hast abgewartet dass Fortuna Düsseldorf die SpVgg Greuther Fürth besiegen würde, damit der Spieltag abgeschlossen war und der 1. FC Köln richtig, ohne wenn und aber, auf Platz 1 stehen würde.

Du wolltest, da bin ich mir sicher, nicht in eine Welt kommen, in der mein Verein nicht ganz oben steht.

Eine knappe Spiellänge nach Abpfiff in Düsseldorf warst du dann da, und seitdem ist es jeden Tag anstrengender, überwältigender und besser mit dir geworden. Deine Mutter will nicht, dass du Fernsehen guckst, ich kann das verstehen, es macht die Spieltage nicht einfacher. Aber seit du da bist, sind wir nicht mehr aus den Aufstiegsrängen gerutscht. Und der Strampler, den wir dir gekauft haben und der dir Monate zu früh passte, steht dir auch ungemein.

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Deinen Namen haben wir erst nach fünf Tagen herausgefunden, du heißt wie ein aktueller Spieler des 1. FC Köln, aber das ist mir erst eine Woche später aufgefallen. Im Internet heißt du eh nur K1, bis du verstehst was das Internet ist. Dann sehen wir weiter.

Wir sind in diesem Jahr, in deiner ersten Saison, in die erste Liga aufgestiegen, und ich wäre bescheuert wenn ich nicht glauben würde, dass das dein Verdienst ist. Wir alle hoffen, dass es der letzte Aufstieg ist, und das nicht, weil wir ab jetzt nur noch absteigen. Ich will dass du in einer Fußballwelt aufwächst, in der Köln selbstverständlich gegen Dortmund, Bayern und Mönchengladbach spielt und nicht gegen Fürth, Sandhausen und 1860. Und vielleicht sogar, irgendwann in deiner Pubertät, international. Und dann, wenn du mich rettungslos uncool und peinlich finden wirst, fahren wir zusammen nach Machatschkala, Lissabon oder Groningen, und dann gebe ich dir dein erstes Bier aus oder zumindest das, was ich naiverweise für dein erstes Bier halte. Und dann wirst du damit leben müssen, dass sich dein Vater in sein altes Trikot mit dem Fabrice Ehret-Flock zwängt. Und das wird so gut, dass ich es jetzt schon kaum erwarten kann.

Der Familienverein

Um 17:14 Uhr, eine Minute zu früh, pfeift Dominik Bartsch das Spiel gegen den 1. FC Bruchsal ab, Astoria Walldorf ist Meister und damit, dank eines 1:0 im Finale am Dienstag, Double-Sieger.

Bei den Simpsons gibt es eine schöne Szene, in der Bart einem Mädchen Milhouse vorstellt, “mein Freund, äh, aus geografischer Bequemlichkeit”. So ähnlich verhält es sich bei mir mit dem SV Sandhausen, dem Verein der nur zwei Jahre nach meinem Umzug in die zweite Liga aufstieg, dank Duisburger Inkompetenz das erste und dank großartiger Arbeit das zweite Jahr dort überstand. Das Hardtwaldstadion ist mit dem Fahrrad drei Kilometer entfernt, je nach Wetter und Form brauche ich etwa zehn Minuten. Und über die Jahre ist mir der Verein ans Herz gewachsen, der im Schatten von Dietmar Hopp beständig und in gesundem Tempo gewachsen ist.

Astoria Walldorf ist da ähnlich und doch ganz anders. Der aktuelle Fünftligist trägt gute 600 Meter von mir entfernt seine Heimspiele aus, und doch war ich erst ein Mal bei einem Spiel der A-Mannschaft (die Jugendspiele eignen sich gut für unterhaltsame Pausen bei Spaziergängen): einem Test gegen Markus Babbels TSG Hoffenheim, das mit 0:3 verloren ging. Das hat mit der Liga zu tun, deren bekannteste Vertreter der FC Nöttingen, der SSV Reutlingen und der KSC II sind, aber auch mit dem praktischen Prunk, den eine so unverschämt reiche Stadt wie Walldorf (SAP und so) sich in den Norden gebaut hat. Von den Bedingungen (Kunstrasenplätze, zwei Stadien, Flutlicht überall) können viele Dritt- und Viertligisten nur träumen. Ein Indiz ist, dass vor den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 zwei Nationalmannschaften (Costa Rica bzw. Honduras) ihr Trainingslager in Walldorf abhielten.

Überhaupt “Astoria Walldorf”. Es klingt hochtrabend, ist aber schlicht dem Umstand geschuldet dass der Namensgeber des bekannten Hotels, Johann Jakob Astor, hier geboren wurde. Völlig unerklärlich ist hingegen der exakte Name des Vereins, “FC-Astoria Walldorf”. Ein Bindestrich wie ein Fanal der Absurdität, ohne Sinn, ohne Zweck und oft gnädig vergessen.

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Nun steigt Astoria in Liga 4 auf, die Regionalliga Südwest, und trifft dort auf Teams wie die Reserven von Freiburg, Mainz, Hoffenheim und Kaiserslautern und auf bekannte Vereine alter Zeiten wie TuS Koblenz, Waldhof Mannheim, Eintracht Trier und Kickers Offenbach. Zugleich spielt der Verein in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen einen Erst- oder Zweitligisten. Der Verein wird sich dafür etwas ändern müssen. Für 4€ mit Ermäßigung kann man sich einen unüberdachten Stehplatz aussuchen und fast überall auf diesen Tribünen auch bequem sitzen. Die 50 Bruchsaler, die heute angereist waren, werden in vielen Fällen eher das Minimum des Gästezuspruchs darstellen. Der Kader, gespickt mit Ex-Sandhäusern wie Ex-Hoffenheimern, wird Verstärkungen benötigen, auch wenn der Charakter des Amateurteams beibehalten werden soll.

goettlDer Letzte aus der Mannheimer Schule: Innenverteidiger Mario Göttlicher

 

 

 

 

 

Dazu werden nicht nur “Has-Beens” reichen, die schon Erfahrung in höheren Ligen gesammelt haben und jetzt ihre Karriere ausklingen lassen. Roberto Pinto, Nico Hillenbrand, sie haben in der ersten Bundesliga gespielt und sind nun Joker bzw. Leistungsträger. 

Im nächsten Jahr werde ich, ganz Erfolgsfan, häufiger vorbeikommen. Und wenn es nur wegen der Gegner ist. Und, wie zunächst in Sandhausen, jedes Jahr in der höheren Liga als Geschenk, als Kompensation für das Verlassen des Rheinlands begreifen.

Neuanfang, erzwungen

Vorletzte Woche informierte mich mein Webhoster, dass diese Seite mit stattlichen zwölf Viren infiziert sei. Nach kurzer Recherche der Art der Infektion war klar, dass nur ein vollständiger Neustart der Seite wirkliche Sicherheit bringen würde. Zwar habe ich ein Backup der alten Posts, aber so ganz sicher bin ich mir nicht, dass es dann nicht wieder von vorne losgeht. Also geht es jetzt hier richtig von vorne los, so wie ich es erst vor kurzem angekündigt hatte: Kürzer, dafür hoffentlich häufiger. Dass mein neues Theme nach Tumblr aussieht, ist dabei kein Zufall. Ich will ein Mittelding zwischen 140 Zeichen und den halben Romanen finden, die ich früher schreiben wollte und für die ich schon keine Zeit hatte, als der Weltfußballer von 2036 noch nicht am Start war.

Also los.