Im Sommer 2003 habe ich meine Freundin kennengelernt. Auf die Frage, wo sie herkommt, sagte sie “Sandhausen. Bei Heidelberg. Die haben mal den VfB Stuttgart aus dem DFB-Pokal geschmissen”. Nun war das der Herbst meiner fußballlosen Zeit, aber irgendeine Erinnerung klimperte da schon in meinem Hinterkopf. Erstligablamagen gegen Amateurclubs bleiben halt doch im Gedächtnis.
Nun, fast neun Jahre (huiuiui) später wohne ich selbst über Umwege in der Gegend. Auf dem Weg zur Uni fahre ich täglich am Hardtwaldstadion vorbei, mit dem Fahrrad brauche ich von meiner Haustür fünf Minuten. Und am Samstag ist der Verein in die zweite Liga aufgestiegen und scheint zur Chiffre für Zweitligaprovinzialität werden, die bis vor einem Jahr Paderborn war. Drum: Eine Einführung in das Phänomen SV Sandhausen von einem, der immerhin schon in der Oberliga zu Besuch war.
Der Ort
Sandhausen, das sollte man mittlerweile wissen, liegt in der Nähe von Heidelberg. In meiner Headergrafik ist es als “Santhausen” eingezeichnet (im Gegensatz zu meinem Wohnort Walldorf und auch Hoffenheim). Früher bekannt für seinen Tabak- und Hopfenanbau (der heute noch zur Folklore gehört), ist es heute ein klassisches Speckgürteldorf, von dem aus jeden Morgen die Kombi-Kolonnen nach Heidelberg, Mannheim und zum SAP-Campus rollen. Zwei REWE-Märkte, viele Geländewagen die noch nie Schlamm gesehen haben. Alte Menschen, die man als Mensch “aus dem Norden” (oberhalb von Frankfurt) vor Dialekt kaum versteht, einzelne Studenten, die sich die horrenden Heidelberger Mieten nicht leisten können oder wollen, viele (VIELE) Familien. Man kann es schon so sagen: Sandhausen als Ort ist ziemlich langweilig. Aber drumherum ist es schön: Zwei große alte Dünen sind zum Spazierengehen lohnenswert, eine davon ist fußläufig vom Stadion zu erreichen und wirklich einen Blick wert. Aber genug davon.
Der Verein
Man kann es ja nochmal sagen: Hinter dem SV Sandhausen steckt kein Mini-Hopp, sondern nur ein Jürgen Machmeier, Bauunternehmer, der den Verein seit 13 Jahren solide führt – und springt für ein halbes Jahr auch mal als Trikotsponsor ein, wenn sonst keiner gefunden wird. Bis zum letzten Jahr warb der Puffreisschokoladenhersteller Nippon auf den Trikots, danach spielte man bis zur Winterpause sponsorenlos. Unangenehm, aber hübsch. In der zweiten Liga wird sich sicher ein anderer Sponsor finden lassen. Capri-Sonne ist um die Ecke, das wäre doch nett.
Das Stadion

Als ich 2004 das erste Mal das Hardtwaldstadion besuchte, war niemand da. An einem Werktagvormittag spazierte ich hin, um es mir anzugucken. Nirgendwo waren verschlossene Tore oder Absperrungen, man konnte einfach auf die Haupttribüne gehen, auch der Rasen wäre begehbar gewesen. Nach dem “Aufstieg” in die Dritte Liga wurde das Stadion den Lizenzbedingungen angepasst und an der Südseite des Feldes erstmals eine Tribüne errichtet, Sitzplätze als schnell abbaubare Stahlrohrkonstruktion. Ansonsten besteht das Stadion bislang in erster Linie aus Stehplätzen und einer Ehrentribüne. Der Umbau im Sommer wird sicher kommen, ich bin gespannt, wie es am Ende aussieht. In jedem Fall ist das Hardtwaldstadion ein echtes Schmuckstück. Mit einem Regenschirm könnte man vom eigenen Sitz aus Spieler pieksen, die Ecken schießen, hinter den Zäunen erheben sich die Kiefern des Waldes, die Imbissrentner sind freundlich. Es ist klein, aber es ist schön.
Der Trainer
Gerd Dais ist ein besonderer Trainer. Allein schon deswegen, weil er mittlerweile drei Mal Trainer in Sandhausen war. In fünf Jahren zwischen 2005 und 2010 brachte er den Club aus der Oberliga in die Regionalliga Süd, machte ihn dort direkt nach dem Aufstieg zum Herbstmeister und etablierte ihn in der neuetablierten Dritten Liga. Und wurde dann im Februar 2010 wegen Erfolglosigkeit entlassen – als noch keiner ahnte, dass es noch erfolgloser geht. Diesen Beweis erbrachten Frank Leicht und Pavel Dotchev, so dass Dais ziemlich genau ein Jahr nach seiner Entlassung zurückkam.
Der Kader
Der SV Sandhausen sucht sich seine Spieler bevorzugt aus der Region und von den U23-Mannschaften von Erstligisten. Die Leistungsträger Julian Schauerte, Marcel Kandziora und Marco Pischorn kamen aus Leverkusen, Dortmund und Stuttgart und wurden in Sandhausen Stammspieler. Der Außenstürmer Danny Blum, aktueller U20-Nationalspieler, durchlief die Jugendzentren von Kaiserslautern und Schalke. Der andere Kaderpfeiler liegt auf bewährten Spielern aus der zweiten und dritten Liga, die meist zur großen Transferoffensive der Saison 2010/11 verpflichtet wurden. Da wäre Regis Dorn, der prompt Torschützenkönig wurde, heute aber eher als Joker eingesetzt wird, David Ulm, der als laufstarker Zehner sicher seinen Weg in Liga 2 gehen wird und Torwart Daniel Ischdonat, der eigentlich als Torwarttrainer geholt wurde und dann doch wieder auf den Platz ging. Und dann wäre da noch Publikumsliebling Roberto Pinto, der nach Stationen beim VfB Stuttgart, Hertha BSC und Grasshopper Club Zürich schon 2008 in Sandhausen landete und hier immer noch eine wichtige Rolle spielt.
Das Team ist ziemlich jung. Das Durchschnittsalter des Kaders beträgt 25,9 Jahre, ohne Ischdonat, Pinto und Dorn ist es ein Jahr weniger. Mit diesem Altersschnitt befindet man sich im Drittligamittelfeld, in der zweiten Liga sieht es ähnlich aus.
Der Fußball
Dais lässt keinen berauschenden Fußball spielen. Nach einigen Umstellungen ist er derzeit bei einem 4-1-4-1-System angekommen, das je nach Situation zu einem 4-2-3-1 wird. Der Fokus liegt auf der starken Abwehr, Offensivfeuerwerke sieht man eher selten.
Die Innenverteidigung Pischorn/Schulz gehörte in der aktuellen Saison zu den besten der Dritten Liga – kopfball- und zweikampfstark, allerdings nicht übermäßig schnell. Dies führte dazu, dass die Viererabwehr eher selten aufrückte, wobei die Außenverteidiger zumindest bis hinter die Mittellinie gingen. Der Spielaufbau lief meist über den Sechser, der dann im Mittelfeld direkt vier Anspielstationen hatte. Frank Löning als einziger Stürmer ließ sich gleichzeitig oft zurückfallen, wodurch die beiden Außenbahnspieler zu Stürmern wurden. Das Spiel des SV Sandhausen ist unaufgeregt, aber schlecht berechenbar. 15 verschiedene Torschützen in dieser Saison zeigen das sehr anschaulich.
Topspieler
Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass es für Sandhausen wahrscheinlich ein einjähriges Gastspiel bleiben wird. Und dass danach einige Spieler oben bleiben, bei anderen Vereinen. Darum hier meine Tipps für Spieler, die man sich aus auch als kicker-Manager zur nächsten Saison kaufen kann:
Marco Pischorn: Groß, zweikampfstark, torgefährlich. Unumstrittener Stammspieler, der fast nie Fehler macht.
David Ulm: Ein unfassbares Laufwunder. Solchen Einsatz habe ich ansonsten im Stadion bislang nur von Ivica Olic und Kevin Großkreutz erlebt, dabei ist er stets anspielbar, spielt gute Pässe, schießt gute Standards und schießt Tore. Und holt mehrmals pro Spiel schon vor der Mittellinie verlorene Bälle selbst zurück. Eigentlich schon jetzt zu gut für die Dritte Liga.
Danny Blum: Einer zum Verzweifeln. Zeigt alle Ansätze um der beste Fußballer des Vereins zu sein, ist schnell, hat eine gute Technik und ist durchsetzungsfähig. Aber zum richtigen Durchbruch hat es noch nicht gereicht. Nächste Saison könnte es durchaus so weit sein.
Im Sommer 2003 habe ich meine Freundin kennengelernt. Auf die Frage, wo sie herkommt, sagte sie “Sandhausen. Bei Heidelberg. Die haben mal den VfB Stuttgart aus dem DFB-Pokal geschmissen”. Nun war das der Herbst meiner fußballlosen Zeit, aber irgendeine Erinnerung klimperte da schon in meinem Hinterkopf. Erstligablamagen gegen Amateurclubs bleiben halt doch im Gedächtnis.
Nun, ...