Torsten Wieland hat gestern eine kleine Outing-Welle angestoßen, als er lesenswert beschrieb, wie er vom Bayern- zum Schalke-Fan wurde. Woraufhin sich LizasWelt mindestens ebenso sehenswert als Ex-Schalke-Fan outete. Bei mir gibt es keine solche Geschichte, aber eine etwas Langweiligere, die ich nun trotzdem erzählen möchte. Die Geschichte, wie ich den Fußball vergaß.
Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf im Siebengebirge, 20 Autominuten von der damaligen Bundeshauptstadt entfernt. Mit sechs Jahren bekam ich meinen ersten eigenen Fußball geschenkt, gelb, mit schwarzen Sechsecken, aus Schaumstoff. Zwei Minuten von unserem Haus entfernt war ein Aschebolzplatz mit unlackierten Holztoren. Wir spielten, wie wohl fast jeder Junge in dieser gendertheoriebefreiten Zeit, in jeder freien Minute mit diesem Ball. Bis heute führe ich meine mangelhafte Schuss- und Dribblingtechnik darauf zurück, dass ich alles an einem Ball lernte, den ich mit dem Fuß plattdrücken und am Gegner vorbeispringen lassen konnte. Wir spielten zu zweit, zu dritt und zu zehnt, je nachdem, wieviele Jungs grade da waren, je nach Teamstärke auf ein oder zwei Tore. Wir hatten zwei Anführer: Den Typen mit dem Ball, mich. Und den Jungen aus der Parallelklasse, dessen Onkel früher beim VfL Bochum gespielt hatte. Und wir hatten alle unsere Mannschaften, deren Fans wir waren. Nur ich wollte mich nicht festlegen und war erstmal Fan der deutschen Nationalmannschaft, die immerhin gerade Weltmeister geworden war.
Zum achten Geburtstag bekam ich von meiner Patentante ein Trikot des FC Bayern München geschenkt. Und nachdem ich es eine Woche mit dem Stolz des Neuen und Teuren auf dem Bolzplatz getragen hatte war mir klar, dass ich Fan des 1. FC Köln bin. Es lag so nahe: Geographische Bequemlichkeit, Horst Heldt, der aus dem Nachbardorf kam, und Bodo Illgner, mein Idol, wegen dem ich mir von meinem Großvater echte reusch-Torwarthandschuhe zu Weihnachten wünschte.
Meine Eltern haben sich nie für Fußball interessiert. Sie haben Weltmeisterschaften geguckt und, nachdem ich da war, auch Europameisterschaften. Der Rest war irrelevant. Meine ganze Familie bestand aus linksliberalen Zuspät-für-68ern, die gerade ihren Weg ins bildungsbürgerliche Establishment wagten. Fußball reizte da niemanden (zumal mein Vater in Kindheit und Jugend legendär unsportlich war). Alles, was ich über Fußball wissen wollte, musste ich mir in Länderspielübertragungen, der Sportschau mit Heribert Faßbender und dem kicker-Saisonheft aneignen. Speziell Letzteres lernte ich nahezu auswendig. Ich wusste alle Ex-Vereine der Kölner Spieler, ich prägte mir ihre Gesichter vom Mannschaftsfoto ein, ich las jeden Artikel wieder und wieder. Wie man das halt als Kind ohne Internet und mit reduzierter Fernseherlaubnis (Bildungsbürgerdingens) so tat.
Mit 11 Jahren musste ich umziehen, aus dem kleinen Dorf in die mittlere Kleinstadt Wesel. Dort, wo 30% der Menschen Dortmund-Fans, 30% Gladbach-Anhänger und 40% überzeugte Schalker sind. Und weil es dort Wichtigeres gab (In der Schule klarkommen, neue Freunde finden, eine Restfamilie zusammenhalten) vergaß ich den Fußball. Er war einfach weg. Von 1995 bis 2003 habe ich, abgesehen von der Europameisterschaft 1996 und den beiden Weltmeisterschaften, so gut wie keine Fußballerinnerung. Es kommt mir sehr zupass, dass die dunkelsten Teile meiner Vereinsgeschichte (und sicher auch die der Nationalmannschaft) in diesen Jahren liegen. Ich habe die besten Zeiten eines Dirk Lottner verpasst und die Legende des Lilian Laslandesliga.
Es ging wieder los mit dem Fußball im Jahr 2003. Ich hatte meine Freundin kennengelernt und in einem völligen Anfall des Wahnsinns waren wir nach knapp einem Monat in Leipzig zusammen in unsere erste Wohnung gezogen (was, man muss es ja mal sagen, bis heute außerordentlich gut funktioniert). Man kann es polemisch ausdrücken: Kaum hatte ich jemanden, den ich mit Fußball nerven konnte, war der Fußball wieder da. Ich verfolgte die Sportschau, ich sah die ersten Einsätze eines jungen Lukas Podolski, ich freute mich auf die Europameisterschaft, ich jubilierte, als ebenjener Lukas Podolski nominiert wurde. Und ich bekam von der Dame “Fever Pitch” geschenkt, womit ich der Letzte meiner Generation gewesen sein dürfte, der dieses Buch las. Und plötzlich passte alles zusammen. Nach einem verschenkten Jahr in Leipzig zogen wir nach Bonn, ich besuchte das erste Mal das RheinEnergie-Stadion in Müngersdorf (müdes 1:0 an einem Montagabend gegen Unterhaching, Torschütze Matthias Scherz), ich las Standardwerke und begann, Taktik zu verstehen. Und ab da ging es immer weiter, bis ich irgendwann an Heiligabend meiner Mutter und meiner Schwester die Vorzüge einer Viererkette erklärte und warum das defensive Mittelfeld die wichtigste Position auf dem Spielfeld sei.
Natürlich interessierte das meine Familie nicht, aber sie merkten, wie wichtig es mir war, und sie hörten zu. Und mein Vater begann langsam sich zu motivieren, meine Faszination nachzuvollziehen. Und am 22. November 2008 ging mein Vater das erste Mal zu einem Fußballspiel, wir saßen nahe der Mittellinie und sahen, wie die TSG Hoffenheim durch Demba Ba und zwei Mal Ibisevic mit 3:1 im Schneegestöber gewann. Es war kalt, es war deprimierend, aber mein Vater hatte verstanden. Gestern haben wir telefoniert, und als er ansetzte zu fragen “Ja, und was hältst du eigentlich von…” dachte ich, er möchte mit mir über die Berlinwahl reden, weil wir gerne über Politik diskutieren. Aber die Frage lautete “…dem 4:1 von Köln gegen Leverkusen”. Und wir redeten und er hatte im Auto die Konferenz gehört und dann die Sportschau geguckt und ich war glücklich. Vielleicht war diese Pause gar nicht so schlecht. Einen habe ich schon infiziert.
