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Vier Tage ist es nun her, seit Kevin-Prince Boateng den deutschen Nationalmannschaftskapitän aus der Weltmeisterschaft getreten hat. Beruhigt hat sich nichts. Immer noch fordern Menschen ohne Schutz durch Anonymität in sozialen Netzwerken Boatengs Ausbürgerung, seinen Tod oder zumindest eine lange Sperre. Die Forderung geht von “die ganze WM” bis “lebenslang”.

Aber was ist eigentlich passiert? Das DSF dürfte sich in den Hintern beißen. Wäre vorher klar gewesen, was passiert, wären die Einschaltquoten für das FA-Cup-Finale sicher deutlich höher gewesen. Kaum einer derer, die jetzt schreien, hat das Spiel gesehen. Und genau deshalb kennt keiner die Vorgeschichte. Zumal diese nirgendwo thematisiert wird, obwohl doch in “Sportschau extra” oder der ZDF-Sondersendung genug Zeit war.

Boateng und Ballack hatten sich schon im gesamten Spiel nicht unbedingt zurückgehalten. Harte Fouls, ruppig geführte Zweikämpfe, auch das, was im Fall Podolski<->Ballack eine “Watschn” genannt wurde. Wohlgemerkt: Die “Watschn” bekam Boateng von Ballack, nicht umgekehrt.

Es war also ordentlich Feuer im Spiel. Dann bekam Ballack in der Offensive den Ball, und runde 15 Meter um ihn herum war alles frei. Er hatte alle Optionen, er konnte zum Strafraum marschieren und bis dahin in Ruhe die Optionen sondieren. Freien Mann anspielen oder es aus der Distanz selbst versuchen? Für jeden, der kein Chelsea-Tor wollte, musste klar sein: Der muss gestellt werden. Boateng kam von der Mittellinie und wollte genau das tun. Ballack legte sich den Ball vor, Boateng trat trotzdem zu. Und um diese Sekundenbruchteile geht es. Vermeintlich.

In meinen Augen hätte Boateng sofort vom Feld gemusst. Eine klare rote Karte, eine Verletzung des Gegenspielers in Kauf nehmend. Im Post-Ribéry-UEFA-Sprech meinetwegen auch: Eine Tätlichkeit mit Ball. Er bekam Gelb vom Schiedsrichter. Rätselhaft, aber eine Tatsachenentscheidung. Von diesen Tatsachenentscheidungen hat übrigens auch Michael Ballack einige Male profitiert. Ein Kind von Traurigkeit ist auch der Kapitän der Nation nicht. Allein in meinem Kopf geht schon ein großes Kopfkino-Archiv von Szenen mit Ballack an, die so nicht in Ordnung waren. Sie aufzuzählen, fehlt mir Zeit und Muße. Entsprechende Archive gibt es ja auch.

Tatsächlich geht es um die Zeit danach. Die Stunden bis zu den ersten Statements, die Tage bis zur Diagnose, die Sekunden, in deren Takt Beschimpfungen aus allen Ecken nach Portsmouth und Berlin geschickt wurden. Mit vielen Menschen habe ich in den letzten Tagen über den Fall geredet, und die Tendenz ist eindeutig: Je weniger sich einer für Fußball interessiert, desto größer ist sein Zorn auf diesen Ghetto-Typen, der unseren “Capitano” kaputtgemacht hat. Von dem sich bei YouTube eine Szene findet, wo er einem Gegenspieler ins Gesicht tritt. Über den Matthias Sammer, ohne auch nur einmaligen persönlichen Kontakt, persönlich gerichtet hat.

Diese Bigotterie ist das Problem. “Wiese für Deutschland” skandieren die Bremer, seine Paraden erfreuen viele, aber über sein Foul des Jahres an Ivica Olic, als er diesem fast das Gesicht vom Kopf trat, redet keiner mehr. Dass sich Ballack bei Chelsea einführte, indem er auf einen am Boden liegenden Gegenspieler trat und drei Spiele aussetzen musste, ist offenbar irrelevant. Dass Thorsten Frings sich erst letzten Samstag – also noch Stunden NACH dem Boateng-Foul – anschickte, dasselbe mit Herrn Schweinsteiger nachzuspielen, ist egal.

Hier treffen zwei Reflexe aufeinander. Der eine ist der Schutz des nationalen Eigentums, nämlich des Spielführers der Nationalmannschaft. Dieser Schutz ist dahin, zerbrochen. Da macht sich Frustration breit. Die Bewertung des Fouls führt vom Resultat her in den Hass, nicht von der Aktion selbst. Aus gutem Grund macht unser Strafrecht das anders.

Der andere Reflex ist schwerer zu lokalisieren. Ich will nicht Rassismus sagen. Das ist es nicht. Aber vielleicht ist es die Wut auf den Anderen. Den, der es schwierig hatte und es sich immer schwierig gemacht hat. Der es sich selbst immer schwer gemacht hat, zum besten Fußballer seiner  Generation im Lande zu werden, was zweifelsohne möglich war. Und ist. Und der, der jetzt lieber für Ghana spielt, obwohl er noch nie in Afrika war. Vielleicht ist es auch die Wut auf die ganzen Typen, wegen denen man nachts alleine am Busbahnhof Angst hat. Oder auf den Typen, der sich von seinem ersten Monatsgehalt eine Hand voll Sportwagen kaufte, obwohl er unreif wirkte wie ein 13-Jähriger.

Und dass zwei Profis im Fußballgeschäft, Joachim Löw und Ballack-Berater Becker Öl ins Feuer gießen, ist eigentlich eine der schlimmsten Sachen. Löw, indem er ohne Not appelliert, Jerome Boateng nicht verantwortlich zu machen. Becker, indem er öffentlich straf- und zivilrechtliche Schritte androht. Tut er das, zeige ich Ballack wegen Landfriedensbruch an. Oder so.

Kevin-Prince Boateng ist ein junger, übermäßig talentierter Fußballspieler, der in seinem Leben schon sehr viele Dinge falsch gemacht hat. Das Foul an Ballack gehört dazu. Doch dass er jetzt nicht mehr angstfrei nach Deutschland einreisen kann, ein Land, in dem ihn die größte Tageszeitung “Arschloch” nennen darf, das hat er nicht verdient.

PS: Diesen Text habe ich am Mittwoch morgen geschrieben. Am Abend vervollständigt sich ein obskures Bild. Nachdem sich Kevin-Prince Boateng eigentlich äußerst klug und wahrheitsgetreu geäußert hat (Kurzzusammenfassung: Entschuldigung für das Foul, wollte ihn nicht verletzen, aber von Ballack kam vorher eine Ohrfeige, die keiner thematisiert), geht die mediale Hetze von vorne los. Der Express fabuliert wahrheitsbeugend, Boateng hätte sich das mit der Entschuldigung “offenbar wieder anders überlegt”. Und Manuel Neuer sagt etwas, was ich wirklich nicht fassen kann: “Er ist ja nicht sein richtiger Bruder und auch kein Freund, deshalb wird das Jerome nicht belasten.”

Ich kapiere es nicht.

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