Wie das so ist mit uns Kölnern und Nichtkölnern, die in Köln Bundesligafußball sehen möchten: Wir sind himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Und über allem schwebt das Naturrecht auf die Champions League. Zumindest ist das bei den üblichen Verdächtigen (Bild, Express, Bayernblogger) ein Vorurteil, das sich so hartnäckig hält wie die Geschichte mit den bei Regen durch Hochgucken ertrinkenden Puten.
Aber weil wir jetzt zwei Mal in Folge verdient gegen den Tabellenführer unentschieden gespielt haben und beide Male durchaus die Möglichkeit hatten, den Siegtreffer zu erzielen (Gell, Basti Freis?), kann man sich schon mal fragen, wieso dann zwischendrin solche Dinger sein müssen wie gegen Stuttgart und Hoffenheim. Und optimistisch nach vorne gucken. Und weil ich weder genug Zeit noch genug Kreativität für 1425 Gründe (die Zahl scheint ja zum Fetisch aller Berichterstatter zu werden) hatte, gibt es halt 14,25.
1. Das neue System ist gefunden: Lukas Podolski darf in die Spitze, und der nur seiner Größe wegen als Mittelstürmerprototyp empfundene Milivoje Novakovic muss auf die Flügel. Beide Flügel, weil er sich da mit Sebastian Freis abwechseln darf (zu dem demnächst noch ein eigener Artikel kommt). Hinten schiebt Petit alle ankommenden Angriffe mit überragendem Stellungsspiel (isso!) auf die Flügel, wo sich zu unseren zwei Außenverteidigern dann noch jeweils ein weiterer defensiver Mittelfeldspieler gesellt, der bei Ballbesitz mit nach vorne geht. Das ist laufintensiv, funktioniert aber.
2. Faryd Mondragon hat wieder Druck. Man sollte ihm am besten nur Dreimonatsverträge geben, denn sonst wird er anscheinend nachlässig. So nach der Vertragsverlängerung bis 2011 im Winter. Jetzt gibt es ein überaus konkret klingendes Gerücht, nachdem uns Tom Starke aus Duisburg verstärken soll, und er haut wieder Paraden raus, die man einem Baldvierziger nur zutraut, wenn er bei Bayern oder Stuttgart spielt.
3. Maniche bekommt Gegenwind. Zwar nicht offiziell, da stehen noch alle hinter ihm. Aber sein Status ist längst nicht mehr so sicher, wie es sein Name und sein Gehaltsscheck vermuten lassen. Das fördert das Gerechtigkeitsempfinden im Team und dürfte ihn zusätzlich motivieren. Eine direkte Folge der Einsätze von
4. Adam Matuschyk. Der Typ ist ein Phänomen auf seine eigene Weise. Nichtmal bei den Insidern der FC-Reserve wäre er als das nächste Eigengewächs mit Profiminuten vorgeschlagen worden, dafür war er zu unauffällig. Aufmerksam wurde man erstmals, als er aus der Regionalliga West heraus für die polnische Nationalmannschaft berufen wurde. Und ab da ging es aufwärts. Matuschyk mag aussehen wie der letzte verbliebene Tankwart, aber er zeigt Einsatzwillen, Passsicherheit, offensiven Mut und defensive Disziplin. Im Prinzip das, was man sich von Maniche erhofft hatte. Man kann davon ausgehen, dass er zunächst mal bei Soldo gesetzt ist.
5. Wir haben nur noch einen gelernte Außenverteidiger. Klingt erstmal paradox, außerdem ist ja Pierre Womé noch da. Der würde allerdings, wenn er nicht aus Afrika käme (Staatsbürgerschaft und so), längst bei der U23 spielen. Der Abschied im Sommer ist so sicher wie der Klassenerhalt des VfB Stuttgart. So ist nur noch Brecko da und muss nach links, während rechts McKenna spielt. Das freut einen für McKenna und sorgt dafür, dass man bei jeder Spielsituation drei Abwehrspieler hinten hat. McKenna ist nämlich das Gegenteil des Flügelflitzers. Und so kann sich Brecko vorne austoben, was durchaus funktioniert, wenn er seine Räume kriegt.
6. Der Vorsprung vor dem Relegationsplatz ist nicht zu groß. Die Punkte sind zwar ein schönes Polster, haben aber nichts mit “gesichertem Klassenerhalt†zu tun. Bequemlichkeit kann sich hier nicht breitmachen.
7. Man hat es selbst in der Hand. Gegen alle Vereine, die in der Tabelle unter Köln stehen, spielt man noch. Das sind Hertha, Hannover, Freiburg, Nürnberg, Bochum. Vier davon empfängt man in Müngersdorf. Gelegenheit genug, die Stadt mit überzeugenden Heimspielen hinter sich zu bringen.
8. Planungssicherheit. Der Kader der dritten Bundesligasaison infolge steht in Grundzügen. Es gilt nicht, um ein paar Stofffetzen herum eine Hose zu nähen, sondern die Löcher an Gesäß, Knie und Schienbein zu stopfen. Namentlich: Außenverteidiger, kreative Flügelspieler, ein Stürmer. Den Stürmer gibt es schon, und man darf auf Ionita mehr als gespannt sein. Zudem dürfte den Sommerabgängen schon klar sein, dass sie sich einen neue Verein suchen können und müssen. I’m a lookin at you, Manasseh Ishiaku und Pierre Womé. Einzig Maniche hätte noch die Möglichkeit sich festzuspielen, ansonsten darf man auf einen finanzstarken Ostverein hoffen, der ihn mit einem Fabelgehalt ködert.
9. Trainerfestigkeit. Ich gebe zu, ich habe Soldo schon verflucht. Aber der Typ sitz so ruhig und fest im Sattel, dass es eine Augenweide ist. Und im Gegensatz zu gewissen Unpersonen vorher hat er keine abstruse Ausstiegsklausel. Gleichzeitig spielt der FC auch nicht einen solchen Wunderfußball, dass der HSV im Sommer bereit wäre, wieder mal einen Trainer aus seinem Vertrag herauszukaufen.
10. Lukas Podolski findet sich. So ein gutes Spiel von ihm habe ich zuletzt gegen Zypern, gegen Portugal und gegen Arminia Bielefeld im Jahr 2006 gesehen. Und ohne daraus einen Trend ableiten zu wollen: Da hat einer aus einer tiefen Krise (Argentinienspiel, Journalistenprügel, eintausendvierhunde.. ach ich hör schon auf) herausgefunden in ein gutes Spiel (Leverkusen) und ein exzellentes (Bayern, wie exzellent zeigt sich daran, dass die Notenamateure von Sportal sich nicht trauten, ihm die beste Note aller Spieler zu geben, während das für den kicker kein Problem war). Außerdem spielt er jetzt wie gesagt da, wo er hinwollte, und das macht er gut.
11. Das Umfeld ist mal ruhig. Natürlich gibt es immer Versuche, durch hanebüchene Geschichten irgendwelche Skandale in den Verein zu schreiben, aber wirklich aufgenommen werden diese nicht. Es ging nichtmal ein Aufschrei rum, als Wolfgang Overath in der Bild gegen die 50+1-Regel schoss und damit implizierte, einen Investor für den Verein zu suchen.
12. Leverkusen und Gladbach straucheln. Während man die Bayer-Initiative getrost in ihrer eigenen Liga spielen lassen kann (machen ja auch gute Arbeit), muss man bei Mönchengladbach doch genauer hingucken. Die werden nämlich schon seit Saisonbeginn derart gelobt, dass man sie um die Europa League-Plätze mitspielen sehen müsste. Aber die sind ganz nah bei uns. Und so gehypte Leute wie Dante (geiler Typ, sollte angeblich ja auch mal zu uns) kommen in eine Formkrise. Und das Geld sitzt nach den (guten) Panikkäufen des letzten Winters auch nicht mehr so locker. Ich bin gespannt, wer da am Ende vorne steht.
13. Die wirklich harten Gegner haben wir hinter uns. Bayern? Done. Leverkusen? Done. Schalke? Damn. HSV? Done. Dortmund? Doppel-Damn. Stuttgart? Reden wir nicht drüber. Die stärksten Vereine der Liga haben wir schon überstanden. Sicher kann man noch einige Niederlagen fest einplanen (Hoffenheim, Bremen), aber eigentlich sind sie alle schlagbar. Solange man einen guten Tag erwischt.
14. Die Sprache Deutsch setzt sich durch. Genau weiß ich es natürlich nicht, aber was man so hört ist, dass sich da langsam eine Elf durchsetzt, die problemlos miteinander kommunizieren kann. Pedro Geromel lernt schneller deutsch als jeder Schweizer, Youssef Mohamad ist als Kapitän auch vorne dabei. Das heißt, in der Startelf standen gegen Bayern nur Faryd Mondragon, Petit und Maniche als Fremdsprachler. Außerdem immerhin mit Podolski, Freis, und Matuschyk drei Deutsche, von denen zwei Eigengewächse sind. Pezzoni und Chihi als Stammkräfte sind verletzt. Da wächst was.
14,25: Nur ein Viertelgrund: Ich hab ein gutes Gefühl. Mag aber auch am Wetter liegen.

