2009 zu den Akten

Januar 2nd, 2010

Pünktlich nach 365 Tagen habe ich keine Lust mehr, die Zahlen “2009″ so hintereinander zu schreiben. 2010 klingt auch ganz gut. Um das absolvierte Jahr zu den Akten zu legen, meine Elf des abgelaufenen Kalenderjahres – aufgrund der Beobachtungsdichte naturgemäß bundesligadominiert.

Tor:

Manuel Neuer ist in einer weiterhin von spektakulären Paraden abhängigen Torhüterbewertungswelt ein Phänomen. Denn er zeigt nicht nur Reflexe, die mich an meine neurologischen Grenzen führen, er ist auch noch das beste Beispiel für einen modernen Torhüter. Er spielt mit, er läuft in die Flanken, aber das, was ihn von den Wieses und Adlers und Mondragons (= allen anderen) unterscheidet, ist seine Spieleröffnung. So weite und präzise Abwürfe, bis über die Mittellinie, würde ich gerne mit meinem rechten Fuß hinkriegen. Einer, der möglichst schnell weg müsste aus Schalke.

Abwehr

Dass Philipp Lahm in einer solchen Liste auftauchen muss, ist ja eigentlich klar. Umso bitterer, dass er nur noch hier als Linksverteidiger eingetragen ist. Lahm mag mittlerweile in allen Fußballdatenbanken der Welt als “beidfüßig” eingetragen sein, er bleibt aber ein Rechtsfuß mit einem gut geschulten linken Schuss. Das Problem dabei: Seine unmittelbare Torgefahr beim Zug nach Innen entfällt von rechts vollständig, weil für einen platzierten Schuss der linke Fuß nicht ausreicht – von links bleibt Lahm torgefährlich, kann aber auch mit links eine Flanke probieren, ohne damit zwangsläufig den Ball an den Gegner zu bringen.
Ebenso eindeutig ist natürlich, dass die Wahl des Innenverteidigers Nr.1 auf Pedro Geromel fällt. Das Gefühl, im eigenen Stadion, im eigenen Trikot, einen wirklich großen Spieler zu sehen, hat man nicht so oft, wenn man wie wir vor Anpfiff Karnevalsmusik hören muss und Kölsch trinkt. Geromel ist so einer, den wir irgendwann so weit nach oben abgeben, dass wir uns drei bis vier Verstärkungen von ihm kaufen können. Ich hoffe bloß, dass es noch etwas dauert bis dahin.
Die zweite Innenverteidigerposition könnten viele belegen, und sicher hat der kicker Recht, wenn er die Hyypiäs und co dort hin setzt (obwohl Bordon doch langsam nachlässt). Ich setze dort trotzdem einfach Jerome Boateng ein, der für die Innenverteidigung vielleicht so etwas ist wie Manuel Neuer vor einiger Zeit fürs Tor: Der hochveranlagteste deutsche Spieler auf der Position, dem aber seine bisweilige Tollpatschigkeit noch im Wege steht. Belege lassen sich schnell viele finden, das Russland-Spiel, der Platzverweis gegen Bremen. Aber eben auch die unfassbar großartige U21-EM im Sommer, als er ganze Spiele mit den Zahlen 0 und 100% absolvierte. 0 Fouls gespielt, 100% Zweikämpfe gewonnen. Das ist der Jerome Boateng den wir sicher in einigen Jahren dauerhaft sehen. Und wenn er im Sommer tatsächlich für 12 Millionen Euro wechseln darf, dann sollte da jeder Verein dran sein, der 12 Millionen ausgeben kann.
Auf der rechten Defensivseite ist die Auswahl nicht so groß – zumal, wenn man die Sympathie mit hereinnimmt (wodurch Demel, Rafinha, Ochs, Diekmeier, Träsch und Fritz schon herausfallen). Deswegen bleiben mir hier nur zwei Möglichkeiten: Mich lächerlich machen und Miso Brecko wählen, oder Patrick Owomoyela die verdiente Ehrung zuzusprechen. Die ganze Dortmunder Mannschaft macht derzeit Spaß, aber bei Owomoyela war das in diesem Maße nicht abzusehen. Eine historische Ungerechtigkeit, dass er nicht mit nach Asien durfte, wo stattdessen Träsch den zweiten Weis geben durfte – einen im Schwäbisch-Badischen Spielenden, der für nicht mehr gut ist als Nutellareklame zu machen.

Mittelfeld
Im defensiven Mittelfeld finden sich oft die besten, aber unbeachtetesten Fußballer dieser Welt. Ganz anders sieht das bei Zé Roberto aus. Als im August herauskam, dass er nicht ganz ablösefrei zum HSV gewechselt war, sondern 4 Millionen Euro Ablöse gekostet hatte, war das kaum ein großer Skandal – weil er trotz seines fortgeschrittenen Alters dieses Geld noch mehr als wert ist. Und dies zeigt er auch Leuten, die sonst nicht viel mit Fußball am Hut haben. Denn neben seinen neuentdeckten Defensivqualitäten spielt er auf offensiv noch einen Fußball, der jeden Erstligisten weiterbringen würde.
Auf dem linken offensiven Flügel darf sich einer durchsetzen, der trotz seiner Herkunft schon länger in meinem Fußballherz wohnt: Marcell Jansen. Als Linksverteidiger mit Defensivwacklern, nach vorne nun zum Ende der Hinrunde nun endlich in der Form, die ihn zurück in die Nationalelf spülen dürfte. Neben Schnelligkeit, Technik und Torabschluss bringt er auch noch die körperliche Robustheit und mentale Stabilität mit, die den Typus Flügelspieler ausmachen, der nicht bei jeder Gelegenheit erst herumwuselt und dann umfällt (Parallelen zu Marko Marin sind unbeabsichtigt, aber erwünscht).
Auf der rechten Seite spielt ein Teamkollege Jansens, der nicht unbedingt auf diese Seite gehört, aber unbedingt untergebracht werden musste: Eljero Elia. Ich muss zugeben, vor seinem Wechsel zum HSV nicht von ihm gehört zu haben. Dafür habe ich jetzt schon relativ viele Spiele von ihm gesehen. Man ist geneigt, ihn schnell in die Schublade des schnellen Dribblers zu stecken, der ballverliebt mit ein paar Übersteigern vorbeigeht. Marko Marin für Internationalisten oder so. Aber Elia ist viel mehr. Einer, der gerne hinter die Mittellinie zurückgeht und die Bälle erobert, der mehr Kilometer läuft als die meisten seiner Mitspieler, der den Abschluss genauso sucht wie den besser stehenden Mannschaftskollegen. Ich bin mir sicher: Wenn Ribéry im Sommer nach Madrid zieht, dann geht recht bald ein Fax aus München nach Hamburg. Man sollte hoffen, es kommt dort nicht an.
Im offensiven Mittelfeld der einzige Nicht-Bundesliga-Spieler für 2009. Es ist aber nunmal einfach so, dass ich mich jedes Mal freue, wenn ich Andres Iniesta im Fernsehen bewundern kann. Der kleine Junge mit dem Mondgesicht, dessen Augen die naive Bewunderung für den Fußball ausstrahlen, erzeugt den Eindruck, es hier mit dem Rain Man der Champions League zu tun zu haben. Mein persönlicher Weltfußballer 2009.

Sturm
In Deutschland kommt man für 2009 kaum am Wolfsburger Sturm vorbei. Folgerichtig hier dann auch Edin Dzeko vor Grafite, der in der zweiten Jahreshälfte vollständig abtauchte. Dzeko ist zudem jünger und scheint überall klarzukommen, in allen Systemen, in seinen beiden Mannschaften. Die Zeitungen scheinen Spaß daran zu haben, über seine Ablösesumme im Sommer zu spekulieren. 40 Millionen, heißt es grade. Guckt man sich den heutigen Markt an, ist das sicher nicht zu viel.
Etwas weiter aus dem Fenster geht es bei Dzekos Sturmpartner Patrick Helmes. Der hat immerhin die gesamte Hinrunde nicht gespielt, seiner Verletzungsanfälligkeit sei Dank. Dennoch bleibt er einer meiner Lieblingsspieler überhaupt – und ein Beispiel für die gute Jugendarbeit des 1. FC Köln. Drei Nationalspieler haben nur wenige Vereine hervorgebracht, die ständig zwischen Liga 1 und 2 herumpendelten. Und auch wenn Helmes jetzt beim Ausbildungskaufverein Nr. 1 spielt, ist er weiterhin ein großartiger Stürmer. Und einer, der nochmal ordentlich Wirbel in den WM-Kader bringen dürfte.

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