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2,5 Milliarden und ein Kniefall

November 30th, 2009

Es gab einmal Zeiten, da wussten nur  Fußball-Nerds von der TSG Hoffenheim. Nicht aus sportlichen Gründen, sondern weil sie im Zuge des Hoyzer-Skandals ins Zwielicht gerutscht war. Einer ihrer Spieler sollte familiäre Verbindungen zu zahlreichen Wettbüros in der Region haben, eine rote Karte sei abgesprochen worden. Die Ermittlungen wurden nicht intensiviert, am Fall war nichts dran. Hoffenheim verschwand aus dem Gedächtnis des allzu kleinen Kollektivs.

Einige Jahre später kennt jeder Hoffenheim, und das liegt natürlich an Dietmar Hopp. Und weil hier ein Mann alle althergebrachten Regeln des bezahlten Fußballs außer Kraft gesetzt hat, polarisiert er. Und aus Gründen, die zu erfahren wirklich spannend wäre, schlägt sich die veröffentlichte Meinung ganz auf Seiten des Milliardärs aus dem Süden.

Am Wochenende spielte Borussia Dortmund ein Auswärtsspiel in Sinsheim, wo Hopp seinem Club eine schöne, allerdings etwas langweilige Arena neben das Technikmuseum gesetzt hat, für die – soviel Genauigkeit muss sein – der Verein eine “angemessene Miete”¹ bezahlt. Im Vorfeld hatte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Clubs Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg bei einer Aktionärsversammlung scharf angegriffen und die sinngemäße Forderung erhoben, dass Traditionsvereinen mehr Fernsehgelder zustünden als solchen Vereinen, die keine große Fan-Menge hinter sich wissen.

Der Hintergedanke wirkt auch schlüssig. Vor der Wolfsburger Meisterschaft waren nicht selten nur knapp über hundert mitgereiste Fans im Block in Müngersdorf, wenn der VW-Club zu Gast war. Bei 5000 reservierten Gästekarten ein beträchtlicher Einnahmeausfall für den gastgebenden Verein, und wenn es im Fußball liefe wie in der restlichen Wirtschaft, wäre Wolfsburg schnell abgestiegen – auch zuhause war der Fanzuspruch so niedrig, dass man sich wirtschaftlich kaum in der Liga hätte halten könnnen. Doch da gab es ja den Konzern Volkswagen, dessen 100%-Tochter der VfL Wolfsburg ist, der immer wieder Geld hinzugab, um den Etat zu decken und den Verein in der Liga zu halten.

Ähnlich lief es auch bei Bayer Leverkusen und jetzt eben Hoffenheim: Die althergebrachten Marktmechanismen wurden außer Kraft gesetzt, indem die Einnahmequelle aller Proficlubs, also der Zuschauerzuspruch, die verkauften Fanartikel und der sportliche Erfolg, zu irrelevanten Nebenfaktoren der Vereinsfinanzierung wurden. Durch das Einbringen von nicht systeminhärentem Geld wurde das System gestört. Ein Beispiel: Was würde sich Bayer aufregen, wenn Pfizer und Novartis plötzlich alle patentfreien Bayer-Produkte auf der Straße verschenken würden.

So wurde der Fußballmarkt, der in vielen europäischen Ländern schon völlig verkorkst ist, durcheinandergebracht. Plötzlich konnte ein Aufsteiger aus der Regionalliga einem frischen Bundesligaabsteiger sein Sturmtalent namens Vedad Ibisevic für 1 Million Euro abkaufen und sich den Luxus leisten, diesen Mann nicht einmal in der Stammelf spielen zu lassen – immerhin hatte man ja für acht Millionen Euro noch zwei Sturmtalente namens Demba Ba und Chinedu Obasi geholt – ganz zu  schweigen vom brasilianischen Spielmacher Carlos Eduardo, der alleine 7 Millionen gekostet hatte. Der bisherige Transferrekord in der zweiten Liga war übrigens der Wechsel von Milivoje Novakovic zum 1. FC Köln. 1,5 Millionen hatte der gekostet und er war zu einem Verein gegangen, der den europaweit höchsten Zuschauerschnitt aller Zweitligisten hatte und zudem durch den Weggang von Lukas Podolski frisches Geld auf dem Konto.

Doch zurück zu Hans-Joachim Watzke. Dessen Rede nahm die Sportschau zum Aufhänger, um einmal mehr klarzustellen, wie toll man Hoffenheim und Hopp findet. In An- und Abmoderation durch Reinhold Beckmann und den Spielbericht zog sich einzig und allein die Tendenz “Der gute Hopp gegen den Rest der Welt”. Drei Schlüsselbegriffe wurden hier verwendet: “Populist” für Watzke, “Ewig-Gestrige” und “Unverbesserliche” für die Dortmunder Fans, die in tendenziell geschmacklosen Plakaten und Gesängen gegen den Gegner protestiert hatten.

Nun stößt die Bezeichnung Watzkes als “Populist” selbst in Dortmunder Fankreisen nicht auf großen Widerspruch. Dennoch gelingt es Beckmann hiermit zuverlässig, jede tiefergehende Beschäftigung mit der Sache, mit dem Inhalt von Watzkes Rede zu übergehen. Dass man für die Dortmunder Fans allerdings den Begriff “Ewig-Gestrige”, zumeist eine Bezeichnung für Reaktionäre und Geschichtsrevisionisten wählt, zeugt allerdings von völlig fehlendem Fingerspitzengefühl und beeindruckender Chuzpe.

Doch überhaupt wird das Projekt Hoffenheim von Beginn seiner Wahrnehmung an (namentlich dem Zweitligaaufstieg und der ersten großen Einkaufswelle) von den Medien, namentlich vor allem der Sportschau, äußerst wohlwollend verfolgt. Dies beginnt schon mit der mittlerweile völlig kritiklos eingebürgerten Bezeichnung Dietmar Hopps als “Mäzen”. Ein Mäzen ist ein Geldgeber für Künstler, Vereine, Einrichtungen etc, der keine direkte Gegenleistung verlangt. Komponisten und Maler hatten Mäzene. Die TSG Hoffenheim hat keinen. Sie hat einen Investor. Wie das System genau läuft, hat Hopp dem SPIEGEL offen und ehrlich erklärt:

Ich habe in der Spielbetriebs-GmbH eine stille Beteiligung. Ich halte 49 Prozent, der Club 51 – mehr erlaubt mir die Regel der Deutschen Fußball Liga nicht. Die stillen Einlagen sind eigentlich rückzahlungspflichtig. Doch wenn diese Regel 50 plus 1 irgendwann fallen sollte, werden die Einlagen in Eigenkapital umgewandelt, und dann werde ich entsprechend mehr Anteile erwerben.

Um es also auf den Punkt zu bringen: Hopp hat die Mehrheit an der TSG Hoffenheim in dem Moment, in dem dies rechtlich möglich ist. Er ist Martin Kind weit vorraus. Dass er sich nicht mit Kind in dessen Rechtsweg verbrüdert, dürfte taktische Gründe haben. In jedem Fall ist die TSG Hoffenheim eine Investition von Hopp², die irgendwann durchaus eine ordentliche Rendite abwerfen könnte. Und es ist eine kreative und sicherlich legale Umgehung der derzeitigen DFB-Verbote, Mehrheitseigner bei einem Fußballverein zu werden.

Niemand wird bestreiten, dass die TSG Hoffenheim einen attraktiven und hochwertigen Fußball spielt. Sportlich bereichert sie die Liga. Zum Heilsbringer taugt sie allerdings nicht. Der übliche Weg wäre der des Ausbildungsvereins, wie es der SC Freiburg, Borussia Mönchengladbach und in größerem Maße Werder Bremen sind: Junge Spieler holen, formen, erfolgreich machen, mit Gewinn verkaufen. Dietmar Hopp hat das selbst als Leitbild der TSG formuliert. Nun kamen nach der erfolgreichen ersten Saison die Scouts, die Berater und die Manager und wollten Spieler wie Demba Ba und Vedad Ibisevic kaufen – eine klassische Situation, in der zum Beispiel einem Klaus Allofs, immerhin Manager des letzten UEFA-Cup-Finalisten aller Zeiten, die Hände gebunden wären – und die TSG Hoffenheim sagte Nein. Sie verlängerte Verträge zu erhöhten Konditionen, sie schlug Angebote für ihre Spieler aus. Ein weiterer Bruch mit anfangs pompös formulierten Leitbildern des Vereins.

Der erste Bruch war beim Aufstieg in die zweite Liga zu spüren. Anscheinend hatte man Blut geleckt. Es konnte nicht schnell genug gehen mit dem Aufstieg in die höchste Spielklasse. Der Anspruch mit jungen Spielern aus der Region, zumindest aber aus Deutschland, sportlich erfolgreich zu sein wurde ad acta gelegt. Drei der insgesamt 12 neuen Spieler der Saison waren Deutsche, der Rest kam aus Norwegen, Belgien und Ghana mit brasilianischen, schwedischen und nigerianischen Pässen im Gepäck.

Nun wäre das alles kein Problem, wenn man dabei ehrlich wäre. Natürlich müsste man dann mit dem Vorwurf leben, ein Retortenverein zu sein. Der Ausdruck des “deutschen Abramowitsch” würde häufiger in den Medien zu lesen sein. Aber letzten Endes wäre mehr Ruhe in den Kurven der deutschen Stadien, wenn man dort stehend nicht laufend das Gefühl hätte, von diesem kleinen Großclub und den Medien verschaukelt zu werden. Jeder findet es toll, wenn ein Verein aus jungen, unbekannten Talenten große Spieler formt, die man im Gedächtnis behält. Aber dass Talente 7 Millionen Euro kosten, führt dieses Prinzip ad absurdum. Es fehlt die Relation zum Rest der Liga, die staunend mit ansehen muss, wie hier angeblich ein Verein alles richtig macht, indem er mit fremdem Geld ziemlich gezielt aber in großem Stil um sich wirft.

Gerade die Sportschau lebt davon, dass Fußball mehr ist als nur ein Ergebnissport. Sie zeigt die Kurven, sie stilisiert Stadtderbys zu epischen Schlachten, die zitiert in jeder Sendung die Fußball-Historie. In Hoffenheim nun nur auf den reinen Sport zu sehen ohne einmal kritisch dessen Zustandekommen zu thematisieren ist die selbe Doppelzüngigkeit, mit der man im Trailer zum Tor der Woche Bilder von am Zaun jubelnden Spielern und  abbrennenden bengalischen Feuern zeigt, solche unkontrollierte Eskalation im konkreten Fall aber scharf verurteilt.

¹ Hopp im Interview mit dem SPIEGEL, 20.10.2008

² Wobei ich nicht bestreiten will, dass diese Investition eine Herzensangelegenheit ist

3 Responses to “2,5 Milliarden und ein Kniefall”

  1. nedfuller

    Sehr schön und ohne die alten “Die haben doch keine Tradition” Sprüche dargestellt, warum Hoffenheim nicht das “Projekt” “Die Talentschmiede” und so weiter und so fort ist.

  2. erz

    Mooment. Das Projekt ist schon existent, guter Fußball entsteht aus den Konzepten und Spielern, die des Investoren bare Münze ermöglicht auf eindrucksvolle Weise.. (Sehr schön, übrigens, hier einmal Trennschärfe zum Begriff des Mäzenen anzumahnen.) Die Kungelei mit dem DFB und Lobhudelei der Presse überraschen mich da wenig. Beide haben gute Gründe, sich an Hopp ranzuschmeißen: Geld und Aufmerksamkeit. Was in unserer Medienwelt häufig auf das Gleiche hinauskommt.

    Das Investorentum des Herrn Hopp, das an ein Mindestmaß fußballerischem Verstand gekoppelt ist (die eigenen Grenzen zu kennen und die richtigen Leute für Entwurf und Ausführung einer Strategie zu gewinnen) ist aber auch der Unterschied zu Abramovitsch. Bei dem ist kein Geschäftsmodell der Expansion zu erkennen, genau so wenig, wie bei den Glazers und wie sie alle heißen. In Hoffenheim wird tatsächlich in Innovationen investiert und das ist ein Alleinstellungsmerkmal unter den Mäzenen/Investoren, das auch meine Sympathien weckt. Auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist (immerhin stammt das Kapital nicht aus dem Verkauf von Blutdiamanten): Es stärkt die Liga, die ich am liebsten sehe.

  3. renton

    hallo moritz,

    mir fehlt in deiner aufzählung der ausbildungsvereine der aktuelle tabellenführer. der wird aber noch angeführt als einer der vereine, die mit ihrem geschäftsmodell die liga durcheinander gebracht haben, so dass traditionsvereine kaum noch land sehen. schon schlimm was seit dem aufstieg vor 31 jahren so alles abgelaufen ist…

    ausserdem solltest du auch nicht ignorieren, worin die hauptsächliche motivation watzkes liegt, denn ausrichten wird der mit dieser rede auf stammtischniveau auf einer jahreshauptversammlung (auch wenn man über den inhalt wirklich diskutieren kann) nicht wirklich was, ausser von den eigenen problemen ablenken.
    denn auch wenn es fans von traditionsvereinen wie dortmund und köln gerne so hätten: für die eigenen unzulänglichkeiten können vereine wir wolfsburg, leverkusen und hoffenheim nichts.

    seinen ruf als jemand der bei solchen brisanteren spielen gerne noch ohne not zusätzlich öl ins feuer gießt, sollte watzke ja ohnehin weg haben. da hilft auch so ein halbsteifer aufruf an die eigenen fans nichts.
    welcher war eigentlich nochmal der einzige deutsche verein an der börse?

    schöne grüße
    rent

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