Nun ist es drei Tage her, dass die BILD mit der Exklusivmeldung aufmachte, dass Christoph Daum gekündigt habe und auf dem Weg zu Fenerbahce sei. In den Fanforen splittete sich die erste Reaktion in zwei Hälften, einem abgeklärten “Das ist doch nur die BILD, das stimmt nicht” und einem ungläubigen “What the fuck?”. Am nächsten Morgen wurde es dann Gewissheit, und zunächst mal war das Entsetzen groß – kaum war man in Köln mal in ruhigem Fahrwasser, dachte man könne solide geplant in die neue Saison gehen tat sich eine riesige neue Baustelle auf.
Das klingt jetzt blöd, aber: Ich war vollkommen entspannt. Etwas verwundert zunächst, aber immer zuversichtlich, dass das kein Beinbruch ist, im Gegenteil: Es könnte eine große Chance sein.
Jetzt ist nämlich recht schnell die Hülle der Solidarität und Loyalität weg. Christoph Daum hat sich verabschiedet, man hat nicht mehr die Pflicht, ihn zu verteidigen. Und so kriegt man einen nüchternen Blick auf das, was er in zweieinhalb Jahren in Köln geleistet und sich geleistet hat.
Wollen wir mit dem Positiven anfangen: Er hat eine Aufbruchsstimmung erzeugt, allein durch seine Anwesenheit. Die Unterstützung war wieder da, die Begeisterung für den Fußball. Geld wurde lockergemacht, das vorher nicht ausgegeben werden sollte. Neue Strukturen wie das SportsLab geschaffen, die uns alleine schon mit Pedro Geromel einen Topeinkauf beschert haben. Daum führte ein, dass es auch mal Geheimtrainings gibt, also unter professionellen Bedingungen gearbeitet werden kann. Nicht zuletzt seinem Namen haben wir die Verpflichtungen von Mondragon, Ümit und sicher auch Petit zu verdanken. Achja, und er hat den Aufstieg geschafft. Ganz vergessen.
Aber da war auch so viel Anderes. Die völlig unwürdige und legendäre Krankenhauspressekonferenz, in der er dutzenden Journalisten mitteilte, dass es nichts neues gibt. Die weiterhin unwürdige Dann-doch-Verpflichtung wegen der “Herzensangelegenheit”, mit der er von Anfang an klar machte, dass der Verein ihm hinterherhecheln muss und nicht umgekehrt. Die gerade in der Anfangsphase zahlreichen Fehleinkäufe. Ein Best of: Fabio Luciano, Tiago, André, Serhat Akin. Gruselig. Dazu teilweise unprofessionelles Verhalten wie zum Beispiel, den inoffiziell aussortierten Denis Epstein bei der Vergabe der Rückennummern zu vergessen und dies erst auf einer Pressekonferenz zu merken. Den Nigerianer Tico schon zum kommenden Essien hochzujubeln, bevor dieser (woanders, in der Schweiz) einen Vertrag unterschreibt. Stattdessen als Verlegenheitslösung Maynor Suazo leihweise aus der Türkei zu holen, der erst zum Saisonende (gut) spielen durfte. Der flatterhafte Umgang mit Adil Chihi, den er in der einen Woche mit Cristiano Ronaldo vergleicht und kurz darauf mit unbedachten Äußerungen in den Abgrund reißt. Sein lächerliches Lavieren mit den Schiedsrichtern als “Spielentscheidern”. Das expressgetickerte Ringen um seinen Verbleib im letzten Sommer. Und nicht zuletzt: Die trotz Potenzial nicht erkennbare Spielkultur des FC in Aufstiegs- wie Klassenerhaltsaison.
Jetzt, wo man die Loyalität nicht mehr wahren muss, kann man sich schon aus den ersten Reaktionen der Medien und des Umfelds ein Bild davon machen, das in den letzten Maitagen offenbar wirklich passiert ist. Christoph Daum war genervt davon, nicht das alleinige Sagen zu haben. Mit Stephan Engels war ein Jugendkoordinator von Overath ins Amt gehievt worden, dem Daum nichts zutraute. An den letzten Spieltagen ging es nirgendwo um seine (nach eigener Meinung) gute Leistung, mit DIESER Mannschaft den Klassenerhalt geschafft zu haben, sondern nur darum, ob Matthias Scherz nochmal spielen darf. Die letzte Machtprobe gewann Daum, als er Scherz erst zur zweiten Halbzeit einwechselte – sehr zum Missfallen nahezu aller im Müngersdorfer Stadion.
Daum wollte einen entscheidend verstärkten Kader zur nächsten Saison, er wollte viel Geld ausgeben. Geld, das offenbar auch unabhängig vom Podolski-Transfer nicht da ist. In seinen jetztigen Erklärungen redet er davon, dass er Nihat vom FC überzeugen wollte. Einen spanischen Erstligastürmer, türkische Nationalmannschaft, in der vorletzten Saison 18 Tore, Vertrag bis 2011. Wie sollte so jemand nach Köln kommen können? Daum wollte offenbar ziemlich viel. Zu viel, und weder Meier noch Horstmann noch Overath machten da mit. Da kann schon Frust aufkommen. Zumal Michael Meier nun im kicker hinterherschießt:
Absolut nicht. Unterschiedliche Zielsetzungen hat es bei der Personalpolitik nie gegeben. Was die Zielsetzung, einmal die Champions League zu gewinnen, betrifft, lagen wir auseinander. Das konnten wir ihm nicht bieten.
Eine kleine Spitze – auch bei Fenerbahce wird ihm das nicht gelingen. Aber sie lässt tief blicken: Trotz “Herzensangelegenheit” war Daum offenbar nie bereit, sich wirklich hier niederzulassen und über seine gesamte Amtszeit wirkte es, als wolle er nur schnell zuendebringen, wo er hineingerutscht war.
Nun aber genug von der Vergangenheit. Sein Abgang ist eine Chance, daran glaube ich fest. In den letzten 10 Jahren wurde immer, wenn es nicht lief, nach Christoph Daum geschrien, so laut dass man es in Istanbul wohl noch hören konnte. Das wird nicht mehr passieren. Der Übertrainer ist desavouiert. Aber er hat professionelle Strukturen und einen jetzt wirklich guten Kader hinterlassen, auf dem man aufbauen kann. Es ist zu lesen, dass Roland Koch als Co-Trainer 700.000€ im Jahr verdiente, zusätzlich zu Daums 2,5 Millionen. Friedhelm Funkels Wunschgehalt soll bei 800.000€ liegen. Ergo: Unser neuer Cheftrainer wird wohl in etwa so viel verdienen wie unser bisheriger Co. Das für Daum eingeplante Gehalt kann vollständig in neue Spieler oder Verlängerungen (Danke, Geromel!) gesteckt werden.
Das Phänomen Daum war in den letzten Monaten fast vollständig verblasst. Neue Spieler aus der Türkei, die nur seinetwegen kamen, waren kaum zu erwarten. Die aktuelle sportliche Entwicklung war von seiner Person nahezu abgekoppelt, denn die Siege wurden fast ausschließlich über die individuelle Qualität der Einzelspieler errungen und nicht über eine besondere Mannschaftsleistung – dazu waren die Aufstellungen viel zu wechselhaft und verfahren.In Köln kann jetzt, sollte der neue Trainer bald da sein (und nicht Skibbe, Neururer, Götz heißen), eine Aufbruchsstimmung entstehen. Marvin Matip hat seinen Vertrag einen Tag nach Daums Weggang verlängert, und auch wenn das sicher nicht völlig spontan entstand, ist es wohl auch kein Zufall. Daum hat es sich mit einigen Spielern durch sein rätselhaftes Auftreten, sein stetes Lavieren verscherzt. Dazu gehören Matip, Broich (dessen Abgang nächste Saison schmerzhaft aufbrechen wird, wenn man ihm in Nürnberg zusieht), aber auch Vucicevic und Novakovic, der schon bei Daums Antritt aussortiert werden sollte. Und Fabrice Ehret? Der sollte im August 2008 gehen, stand auf der Transferliste und machte sich dann Daum unverzichtbar. Das dürfte den Trainer mehr geärgert als gefreut haben.
Daniel Theweleit hat in der Frankfurter Rundschau in wenigen prägnanten Sätzen zusammengefasst, was zur Sache Daum eigentlich noch zu sagen ist.
Daum hat solides Fußball-Lehrer-Handwerk abgeliefert, die spielerische Qualität des Kölner Fußballs blieb bescheiden. Das große Daum-Spektakel aus Leverkusener Tagen ist nie angekommen in Köln. Daum war zuletzt kein Spitzentrainer mehr, sondern ein Durchschnittsübungsleiter aus dem grauen Mittelmaß der Tabelle. In der Türkei ist das noch anders, dort kann er weit kommen, er kann Meister werden und mit etwas Glück auch Spieler kaufen, die viele Millionen Euro kosten. Und sein großer Ruf strahlt noch über dem ganzen Land. Das ist die Welt des Christoph Daum.
Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Auf der offiziellen Vereinshomepage (deren Flashintro mit dem Paket an den Verein ja mittlerweile auch ne sarkastische zweite Note bekommen hat) ist im Sommerfahrplan vom bisher angekündigten Ümit-Abschiedsspiel gegen Fenerbahce nicht mehr die Rede. Das dürfte ganz gut sein so. Mit der ihm dann schlagartig entgegenschäumenden Ablehnung so vieler Menschen dürfte der Publikumsmensch Daum nicht klarkommen.
