Sportteil

Witzig.

Mai 22nd, 2009

Morgen beendet Matthias Scherz seine Karriere als Profifußballer. Seine Popularität wuchs entgegengesetzt zu seinen Einsatzzeiten. Vielleicht wird man ihn gerade deswegen so vermissen.

Matthias Scherz ist kein sonderlich begnadeter Fußballer, er ist kein Schönling und er ist nicht in Köln geboren. Und trotzdem skandieren seit einigen Spieltagen die FC-Fans zuhause wie auswärts seinen Namen und fordern seine Einwechslung. Dass das Christoph Daum (”Ich wechsel ihn erst ein, wenn die Fans das nicht mehr fordern”) so bitter aufstößt ist unverständlich und albern. Morgen wird er seinen letzten Einsatz bekommen, seine Ehrenrunde drehen und gebührend verabschiedet werden. Zeit für einen Blick zurück.

Die puren Statistiken benutzt man, wenn man so etwas schreibt, gerne, um sich daran entlangzuhangeln. Um das zu vermeiden, alles am Anfang. Zu Beginn der Saison 1999/2000 wechselte Matthias Scherz ablösefrei vom FC St. Pauli zum damaligen Zweitligakonkurrenten 1. FC Köln. Seitdem hat er 44 Tore in 269 Meisterschaftsspielen geschossen, die meisten davon in der Zweitligasaison 2002/03, als er mit 18 Toren maßgeblichen Anteil am Aufstieg hatte.

Als ich 2004 wieder in die Region zog und Heimspiele besuchte, war Matthias Scherz ein Feindbild. Er stand wie kaum ein anderer der zahlreichen Spieler für den Niedergang des einst stolzen Großstadtvereins, und er war der einzige, der da geblieben war. Die Marco Reichs, Jörg Heinrichs, Lilian Laslandes’ und Dorinel Munteanus waren da längst weg. Keiner hatte die miserablen Leistungen der letzten Jahre verhindern können, und alle wollten sie sich dann die zweite Liga nicht antun. In Köln war man frustriert und einer der wenigen, die geblieben waren, war Scherz. Er blieb und wurde dafür mehr gehasst als die Spieler, die sich aus dem Staub gemacht hatten.

Matthias Scherz war schon damals alt, 32. “Ein Routinier” nennt man so jemanden, und so sehr das zutreffen mag, wird es ihm nicht gerecht, denn beim 1. FC Köln der letzten 10 Jahre konnte man kaum eine Routine entwickeln. In Köln spielte Scherz unter Ewald Lienen, Christoph John, Friedhelm Funkel, Jos Luhukay, Marcel Koller, Huub Stevens, Uwe Rapolder, Hans-Peter Latour, Holger Gehrke und Christoph Daum. 10 Trainer in 10 Jahren, und bei jedem hat er über 20 Saisonspiele gemacht¹. Und er spielte, wo man ihn ließ. Meist war das im Sturmzentrum oder als Rechtsaußen, zwischendurch musste er aber auch ins Mittelfeld und in den ganz schlimmen Zeiten wurde er sogar als Rechtsverteidiger eingesetzt. An Scherz’ Einsatzdetails kann man viel von der Kölner Misere ablesen.

Seit Scherz zunehmend weniger spielt, geht es mit dem Verein bergauf. Das in irgendeine Korrelation zu bringen wäre zunächst einmal gemein ihm gegenüber, ist aber dennoch nicht von der Hand zu weisen. In den letzten Jahren wurden Spieler geholt, die den Verein weiterbrachten, so dass für einen Scherz kein Platz mehr war. Dennoch war er immer da, wenn er gebraucht wurde, und wenn nicht, fing er nicht an zu reklamieren. Dieser Konstellation ist zu verdanken, dass Matthias Scherz auf seine alten Tage zum Publikumsliebling wurde. Je weniger er spielte, desto öfter hörte man seinen Namen im Stadion und las ihn in Fanumfragen.

Deswegen gibt es an dieser Stelle auch nicht die sonst immer üblichen YouTube-Videos, die Zusammenstellungen seiner schönsten Tore, ein Bild seines Torjubels oder was auch immer. Natürlich gibt es diese Videos, es gibt Tore, die ich nicht vergessen werde, zum Beispiel das gegen Bayern in der Hinrunde 2005/06, als er einen eigentlichen Fehlpass vom Mannschaftskollegen Matip so erlief, dass er eine wunderbare Vorlage ergab. Ismael war chancenlos und es stand 1:0 – dass uns der Sieg nachher vom Schiedsrichter (Wagner, das vergesse ich dir nie) geklaut wurde, verstärkt so eine Erinnerung nur.

Vier Aufstiege hat Matthias Scherz miterlebt und drei Abstiege. Seine Bilanz ist damit knapp positiv. Wenn er morgen Abschied nimmt, geht eine sehr diskrete Ära zuende. Dienstältester Profi ist dann Marvin Matip, man kann sich das kaum vorstellen. Über 100 Mannschaftskameraden hatte Scherz in seiner Zeit, aber er kann mit dem beruhigenden Gefühl gehen, dass die Weichen für die Zukunft so gestellt sind, dass die Chaostage erst einmal vorbei sind. Er selbst bleibt dem Verein treu, er wird den FC-Nachwuchs bei der Zukunfts- und Karriereplanung betreuen. Völlig gleich, was genau er da macht: Einen Besseren kann man für die Position nicht finden. Als Scherz hier ankam, musste er für den Torjubel mit den Fans noch eine Laufbahn überqueren. Die Welt ist eine andere, Scherz hat es mitgekriegt. Wird Zeit, die Fackel weiterzugeben.

In einem hellen Moment schrieb mal ein FC-Brett-User: Andere Spieler stoppen die Bälle weiter als ich schießen kann. Matthias Scherz stoppt sie halt alle in den Winkel. Dem ist nichts hinzuzufügen.

¹ Mit Ausnahme der aktuell laufenden Saison, in der Daum ihn als Stand By-Profi behandelte.

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