Es lief zunächst etwas unter dem Radar, gestern ist die Bombe richtig hochgegangen: Es läuft eine Machtprobe zwischen dem FC Bayern München und der SportBild.
Ende letzter Woche nämlich veranlasste Jürgen Klinsmann nämlich, dass Raimund Hinko nicht mehr an seinen Pressekonferenzen teilnehmen sollte. Hinko ist SportBild-Zuständiger für den FC Bayern und somit maßgeblich beteiligt an folgenden Titelgeschichten:
Machtwort von Hoeneß (40/08)
Bayern: Zweifel an Klinsi (39/08)
Klose lähmt Bayern (35/08)
>>Ruck, zuck ist er weg<< (33/08)
Die Bayern in der Klinsi-Falle (5/08)
Bei Bayern rollen Köpfe (3/08)
Dazu kommt eine Unzahl an Kolumnen und kleineren Artikeln, in denen Klinsmann wahlweise Kompetenz, Übersicht, Durchsetzungsvermögen oder schlicht der richtige Kurs abgesprochen werden – teils offen, teils eher subtil wie eben bei “Machtwort von Hoeneß”; der Subtext lautet: Klinsmann hört man nicht zu.
Also wurde es Klinsmann im Angesicht der nicht zu leugnenden Krise beim Verein anscheinend zu bunt, und er verzichtete auf weitere mediale Zusammenarbeit mit einem einzelnen Journalisten (nur während der Trainer-PKs und nicht gegenüber der gesamten Zeitung wie im Fall der TSG Hoffenheim). Sonderlich gut muss man das nicht finden, menschlich verständlich ist es allemal und als Angriff auf die Pressefreiheit nur mit etwas Phantasie zu bezeichnen.
Nichts anderes aber unterstellte Chefredakteur Gottschalk im Vorwort zur gestern erschienenen Ausgabe:
Wie schlimm die Situation beim FC Bayern ist, erkennt man daran, dass die Mannschaft von Trainer Jürgen Klinsmann nur noch vier Punkte von der Abstiegszone weg ist.
Für die Redaktion von SPORT BILD wurde das Ausmaß der Krise aber am Tag der Deutschen Einheit noch deutlicher: Raimund Hinko aus der Chefredaktion musste da auf Klinsmanns Geheiß erstmals in seinem Leben den Presseraum der Bayern verlassen. Der Trainer wolle, so die Erklärung der Medienabteilung, in nächster Zeit nicht am Tisch sitzen mit Mitarbeitern einer Zeitschrift, die ihn seit Wochen hart angehe.
Abgesehen davon, dass wir hart recherchierte Fakten veröffentlichten, die von den Bayern nie abgestritten wurden – glaubt Klinsmann wirklich, Kritiker mundtot machen zu können?
Glaubt er, Hinko, der seit 39 Jahren über Bayern berichtet, oder andere Reporter von SPORT BILD werfen nun vor Schreck alle journalistischen Grundsätze über Bord? Der ungeheuerliche Vorgang wird auch durch den Zusatz nicht besser, dass das Hausverbot »nur« bei Klinsmann-Auftritten gelte – nein, hier geht es um eine nicht hinnehmbare Grenzüberschreitung.
Doch SPORT BILD lässt sich nicht einschüchtern, wir verurteilen diese Beschneidung der Pressefreiheit – und berichten weiter investigativ.
So sehen Sie im neuen Heft erstmals den ganzen Vertrag eines Bayern-Profis – und damit schwarz auf weiß, wie gut es Fußballer heute haben. Und Sie erfahren, dass Bayern noch eine Grenze überschritten hat, die den Klubchefs eigentlich heilig war: Fans werden jetzt keine Original-Autogramme mehr zugeschickt.
Eine boykottfreie Woche wünscht
Pit Gottschalk
Und wie angekündigt stellte die SportBild auch noch zur Schau, was sie so unter Pressefreiheit und der Auslotung der Grenzen ebenjener versteht: Genüsslich breitete sie den kompletten Arbeitsvertrag von Bastian Schweinsteiger von 2005 über acht Heftseiten aus, inklusive aller Gehaltswerte, lediglich die Anschrift wurde geschwärzt. Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun, eher schon mit einem Schuss vor den Bug des FC Bayern, eine Warnung: Legt euch nicht mit uns an. Denn wer an so sensible Daten wie Spielerverträge kommt (bzw. sie wahrscheinlich schon länger im Giftschrank hat, ich schätze nicht dass man über seine Quellen so kurzfristig daran kommt), der hat vielleicht noch ganz andere Sachen auf Lager. Nächste Stufe Klinsmanns Vertrag? Wer weiß.
Es ging dann aber noch weiter: Die ersten Blogs werden aufmerksam, im SportBild-Forum wird diskutiert, der FC Bayern reagiert erst einmal verhältnismäßig schwach: Auf der Vereinshomepage wird ein an die SportBild gerichteter Leserbrief des Sportjournalisten Harald Landwehr veröffentlicht:
Leserbrief zum Editorial von Herrn Gottschalk, Ausgabe vom 8.10.08:
Der Hinweis Ihres Chefredakteurs, dass Jürgen Klinsmann durch seinen Rauswurf Ihres Mitarbeiters aus der Pressekonferenz versucht, objektiven und investigativen Journalismus von Sportbild und Herrn Hinko vermeiden zu wollen, ist lächerlich. Ich bin selbst seit 18 Jahren Sportjournalist und weiß genau, was sachlich fairer Journalismus ist.
Was der Populist und Matthäus-Intimus Hinko, der vermutlich auch die Matthäus-Kolumnen zu 100 % verfasst, seit Jahren abliefert, ist schlimmster intriganter unfairer Boulevardjournalismus.
Hätten Sie ein Interesse daran gehabt, den neuen Bayern-Trainer korrekt zu behandeln, dann hätten Sie von Beginn seiner Amtszeit an einen neutralen Kollegen an die Säbener Straße geschickt. Wenn Sie ehrlich wären, würden Sie sich wenigstens selbst zugestehen, dass Sie nie an Objektivität interessiert waren, sondern lediglich die in Ihrem Haus von je her übliche Pro-Matthäus und Anti-Klinsmann-Politik verfolgen.
Hätten alle Kollegen die von Ihnen propagierten „journalistischen Grundsätze” des Herrn Hinko, dann wäre unser Berufsstand noch schlimmer dran als er ohnehin schon ist.
Hochachtungsvoll
Harald Landwehr
70599 Stuttgart
Nun hat Landwehr sicherlich Recht mit seiner Einschätzung über den Zustand des deutschen Sportjournalismus, und auch seine Auslassungen über die SportBild bzw. Herrn Hinko sind ja nicht völlig überraschend. Dennoch wirkte das Schreiben auf mich seltsam aufgesetzt und sollte nicht so recht in das professionelle Kommunikationsmodell des FC Bayern passen. Deutlicher wurde die neu vertretene Linie des Vereins dann heute: Neben der zu erwartenden Nachricht einer Unterlassungserklärung, der sich die SportBild “unterworfen” habe, präsentierte man “Volkes Stimme” in Form eines Blogzitats von Herrn Breitnigge und einiger Auszüge aus dem offiziellen SportBild-Forum. Die Strategie ist klar: Überspitzt gesagt setzt der Verein auf das Web 2.0, auf demokratisierte Medien statt auf ein Meinungsoligopol – was natürlich den Maßnahmen der Abschottung widerspricht, die vor der Saison eingeführt wurden.
Aber das kann die SportBild (die entsprechend der von ihr unterschriebenen Unterlassungserklärung mittlerweile das Titelbild ihrer aktuellen Ausgabe online verändert hat – mutmaßlich mit MS Paint) natürlich nicht auf sich sitzen lassen: Kolumnist Alexander Steudel schreibt meinen persönlichen Blogeintrag der Woche, in dem er nach einer Internetrecherche oben zitierem Harald Landwehr zumindest indirekt vorwirft, sich von Klinsmann instrumentalisiert lassen zu haben. Ohne jetzt die ganze Argumentation nochmal aufkauen zu wollen, habe ich ein kleines Schaubild erstellt, es tut mir leid dass es nicht so hübsch geworden ist:

Ganz erschließt sich mir der Vorwurf nicht, dass da gemauschelt wurde. Erst Recht wenn man sich die Gegenseite einmal anguckt:

Irgendwie offensichtlicher. Vorbei ist diese Geschichte jedenfalls lange noch nicht, aber beide Seiten sind gewarnt. Spannend bleibt es, vor allem in Hinblick auf die nächste Ausgabe der SportBild in sechs Tagen.
PS: Im SportBild-Forum geht es ziemlich zur Sache. Einige, durchaus altgediente User, nutzen den aktuellen Aufhänger zur Generalabrechnung mit einem in ihren Augen abschmierenden Magazin, das seine selbstgewählten Qualitätsmaßstäbe nicht mehr halten kann. Inwieweit das zutrifft vermag ich nicht zu beurteilen, dazu lese ich das Blatt eindeutig zu selten. Aber interessant ist es allemal.
Via: Allesaussersport (Nachtrag), Breitnigge


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