Lizas Welt ist ein vielgelesenes Blog, benannt nach Bixente Lizarazu, meist aber zum Thema Israel und Antisemitismus, dort oft streitbar, aber immer lesenswert. Es sei denn, man wagt sich zurück in die Region Fußball und meint, zum Thema Hoffenheim Position beziehen zu müssen.
Ein konstituierendes Merkmal halbwegs sachlicher Diskussion scheint zu sein, dass sich jede Seite in der medialen Minderheit sieht – von dort lässt es sich leichter kritisieren, ohne konstruktiv zu sein, dort umweht einen der Geruch von Rebellion gegen das Meinungsestablishment. Und deswegen listet Lizas Welt hübsch Artikel nach Artikel, der Hoffenheim kritisiert, lässt aber gerade die Fernsehpräsenz völlig außer acht, die Jubelarien der Sportschau und des DSF-Doppelpass, die keine Gelegenheit auslassen, die “Bereicherung der Liga” anzupreisen.
Nun geht es nicht darum, den tausendsten Blogeintrag darüber zu schreiben, wie doof Hoffenheim ist, ob es der erste Sargnagel der Bundesliga ist oder der dritte, es geht nicht um Tradition und Retorte, es geht um die Rolle, die Hoffenheim nun sportlich und medial in der Bundesliga einnehmen wird, denn von dort sind sie mittelfristig nicht mehr wegzudenken.
Niemand, auch nicht – wie von LW suggeriert, der Tagesspiegel – heißt Plakate gut, in denen Dietmar Hopp ein Fadenkreuz vorgesetzt wird. Auch über geschmacklose Rufe lässt sich kaum streiten, allerdings stellt sich mir dann doch die Frage, wo die ganzen Echauffeure in den letzten Jahrzehnten waren, wenn der gegnerische Torhüter zuverlässig mit einem “Arschloch Wichser Hurensohn” den Ball zurück ins Spiel bringen musste.
Das Problem in Hoffenheim ist die frappierend schwache Souveränität. Da ist ein Verein, der in den letzten Jahren (mit viel Geld) sehr viele richtige und kluge Dinge gemacht hat, fähige Leute eingestellt haben die ein in dieser Art beispielloses Team aufgebaut haben, da wird ein riesiges neues Stadion gebaut, man steigt auf in die höchste deutsche Spielklasse, spielt gegen Bayern München und Werder Bremen statt gegen Großbardorf und Heidenheim, und dann lässt man sich vollständig aus dem Konzept bringen von einem lautstark brüllenden Gästeblock und ein paar Journalisten? Gleich am ersten Spieltag reagiert Ralf Rangnick über und erzählt Mist über die Etatgleichheit von Cottbus und Hoffenheim, später schaltet sich der DFB ein, und dann bittet die TSG um Verständnis dafür, nicht mehr mit dem Tagesspiegel reden zu wollen – bloß weil der wegen einer offensichtlichen Konstellation des Interessenkonflikts beim DFB mal nachfragte.
Was Lizas Welt allerdings wirklich aufregt, ist diese zurecht saublöde Bemerkung von Marek Lantz in der jungen Welt:
Was jetzt nur noch fehlt, ist ein braver AntiÂdeutscher, der mit ein paar argumentativen Winkelzügen jegliche Kritik an Hopp als per se antisemitisch abkanzelt.
Warum man dies zum Anlass nehmen muss, tatsächlich argumentativ auf Antisemitismus zu kommen, erschließt sich mir nicht – wenn man, wie LW, auf Marktwirtschaft steht, dann kann man gegen das Projekt Hoffenheim auch marktwirtschaftlich argumentieren, dass es mit Tradition gar nichts mehr zu tun hat. Der Profisport funktionierte ja lange so, dass über sportliche Leistung Geld eingenommen wurde, durch Eintritt, Preisgeld und später Übertragungsrechte. Dafür konnte in Spieler und Umfeld investiert werden, was zumindest in der Theorie weitere Erfolge versprach. Alles, was an Zufall, Glück, Pech und Tagesform zwischen den Theoriezeilen lag, macht den Reiz des Fußballs aus – genau wie die Tragik, überraschend gute Spieler an größere Vereine zu verlieren. Mit Hoffenheim ist das nun anders. Dort kommt das Geld aus externen Quellen, und es ist nahezu unbegrenzt. So kann es sein, dass mit Aachen ein Bundesligaabsteiger 2007 den jetztigen Topstürmer Vedad Ibisevic an den Zweitligaaufsteiger Hoffenheim abgeben musste, weil man ihm schlichtweg nicht soviel Gehalt bieten konnte wie der damalige Profifußballneuling. Wozu dies führen kann (aber sicherlich nicht muss), sieht man in England, wo die neuen Eigner von Manchester City nun ein halbes Jahr Zeit haben, den Spielermarkt mit Geldmassen zu überfluten, dass einem schwindlig werden muss. Wenn nicht einmal mehr Roman Abramovich mit Chelsea um Robinho mitbieten kann, ist man anscheinend bei einem neuen Niveau von Geldmengen angekommen.
Das alles muss man als Fußballfan nicht schlimm finden, im Gegenteil, mit einem angenehmen Schuss Unbedarftheit darf man sich auch einfach über den guten gezeigten Sport freue, aber eins, das ist dann doch krude, liebe Lizas Welt: Dass direkt neben dem ach so kritischen Artikel ein Banner ist, das zu einer Seite gegen die weitere Zersplitterung der Bundesligaspieltage führt.


Oktober 6th, 2008 - 20:09
Gestatte mir ein paar Anmerkungen zu meiner Verteidigung:
1. Ich habe durchaus nicht „hübsch Artikel nach Artikel“ gelistet, „der Hoffenheim kritisiert“, und damit suggeriert, dass die Medien in ihrer Mehrheit auf Hopp eindreschen. Ich habe vielmehr genau zwei Artikel ins Feld geführt, die das tun (die anderen verlinkten Medienbeiträge dienen lediglich als Belege für Informationen, die ich zitiert habe): einen aus dem „Tagesspiegel“ und einen aus der „jungen Welt“. Im weiteren Verlauf meines Textes geht es dann vor allem um den letztgenannten Beitrag. In der Tat fällt die Medienberichterstattung zu Hopp und Hoffenheim nicht überwiegend negativ aus, aber wie man bereits meinem einleitenden Satz entnehmen kann, war es mir auch nicht so sehr darum zu tun, sondern vor allem um die Gründe für die in meinen Augen ziemlich widerwärtige Anti-Hopp-Stimmung in den Stadien sowie deren Belobigung durch die „junge Welt“, die ich zu analysieren versucht habe. Die „junge Welt“ als eher kleine Tageszeitung wäre vielleicht nicht weiter der Rede wert, allerdings habe ich den Eindruck, dass ihr Autor Marek Lantz in nicht wenigen Punkten ganz ähnlich tickt wie die Anti-Hopp-Schreihälse in den Stadien und Foren; allenfalls ist er etwas wortgewandter. Das hat es aus meiner Sicht rechtfertigt, seinem Text Gewicht zu geben.
2. Du schreibst: „Auch über geschmacklose Rufe lässt sich kaum streiten, allerdings stellt sich mir dann doch die Frage, wo die ganzen Echauffeure in den letzten Jahrzehnten waren, wenn der gegnerische Torhüter zuverlässig mit einem ‚Arschloch Wichser Hurensohn’ den Ball zurück ins Spiel bringen musste.“ Eine ähnliche Frage hat ja auch der „Tagesspiegel“ gestellt. Man kann sicher geteilter Meinung darüber sein, ob solche Tiraden wirklich noch als „Folklore“ durchgehen. Wichtiger ist mir allerdings, dass es speziell dann richtig übel und inakzeptabel wird, wenn Beleidigungen einen politischen Hintergrund bekommen. Das ist beispielsweise bei rassistischen, antisemitischen und homophoben Gesängen, Sprechchören oder Transparenten der Fall. Jemanden ein „Arschloch“ zu nennen, ist das eine, ihn als „schwarzes Arschloch“ zu beschimpfen, etwas anderes. Bei Hopp sind die Hassattacken nicht rassistisch und nicht homophob, aber von ihrer Struktur her antisemitisch, wie ich zu zeigen versucht habe. „Von ihrer Struktur her“ heißt, dass sich in den Angriffen gegen Hopp Denkfiguren wiederfinden, die auch den Antisemitismus kennzeichnen – wie der Vorwurf der Geldgier, der angeblichen Allmacht, der Zerstörung angeblich urwüchsiger Traditionen, der Künstlichkeit und der Seelenlosigkeit. Und diese Parallelen sind kein Zufall, sondern Ausdruck eines Antikapitalismus, der weitaus schlimmer ist als alles, was Kapitalismus anrichten kann.
3. Du schreibst: „Alles, was an Zufall, Glück, Pech und Tagesform zwischen den Theoriezeilen lag, macht den Reiz des Fußballs aus – genau wie die Tragik, überraschend gute Spieler an größere Vereine zu verlieren. Mit Hoffenheim ist das nun anders. Dort kommt das Geld aus externen Quellen, und es ist nahezu unbegrenzt.“ Das ist nicht erst seit Hopp und Hoffenheim anders, das war auch vorher schon so, und zwar schon lange. Was ist beispielsweise das Trikotsponsoring anderes als eine Finanzierung eines Klubs aus einer externen Quelle? Die Bandenwerbung? Die TV-Gelder? Worum es mir ging, war, deutlich zu machen, dass Hoffenheim wirtschaftet, wie es im Kapitalismus nun mal normal ist. Und zu dieser Normalität gehört es, sich um Traditionen nur sehr bedingt zu scheren. Das muss man nicht befürworten, aber man sollte auch nicht so tun, als ob in Hoffenheim etwas besonders Finsteres stattfände. Ein Mäzenatentum gab es übrigens auch schon mehr als einmal – denk an Löring, Steilmann oder Mast. Und den Reiz büßt der Fußball durchaus nicht ein, sonst dürfte Bayern München nach sieben Spieltagen nicht Elfter sein.
4. Du schreibst: „Aber eins, das ist dann doch krude, liebe Lizas Welt: Dass direkt neben dem ach so kritischen Artikel ein Banner ist, das zu einer Seite gegen die weitere Zersplitterung der Bundesligaspieltage führt.“ Was ist denn daran krude? Die Initiatoren dieser Seite wenden sich mit sehr nachvollziehbaren Argumenten gegen fanfeindliche Anstoßzeiten, wie man sehen kann, wenn man auf den Banner klickt. Da wird niemand zur „Hure“ gemacht und niemand ins Visier genommen; alles, was die „Sozialromantiker St. Pauli“ (das finde ich einen hübschen selbstironischen Namen) wollen, ist: dass Reisen zu Auswärtsspielen weiterhin möglich sind, dass das Privatleben ihrer Familien durch den frühen Anstoßtermin nicht noch mehr leidet, dass die am Sonntagvormittag spielenden Amateurvereine nicht ihre Zuschauer verlieren und dass es ihren aktiven Spielern nicht noch mehr erschwert wird, selbst Zuschauer bei einem Profiverein zu sein. Kurz: Man steht für seine Interessen ein, ohne an Ressentiments zu appellieren. Das kann ich bei den Anti-Hopp-Krakeelern nicht erkennen.