Man konnte im Laufe der Woche fast den Eindruck gewinnen, beim Derby in Mönchengladbach handle es sich um das Spiel des Tages, dabei gab es mit Stuttgart – Bremen und der Ausgangslage der Bayern gegen Bochum doch durchaus einiges zu erwarten. Dennoch ging es um so viel: Nach dem überraschend überragenden Heimsieg des FC gegen Schalke und der seit Tagen im Raum stehenden möglichen (und mittlerweile vollzogenen) Beurlaubung von Borussia-Trainer Jos Luhukay ging es um weit mehr als das übliche Aufeinandertreffen der zwei Rivalen, erst Recht nachdem erst vor wenigen Monaten im Kölner Stehplatzblock die Fahne der Gladbacher Ultras in Flammen aufgegangen war.
Christoph Daum ließ wieder im 4-2-3-1-System und mit der gleichen Aufstellung beginnen, die Schalke über 80 Minuten unter Kontrolle gehabt hatte:
----------Novakovic----------
---Ehret--Antar--Vucicevic---
-------Petit---Pezzoni-------
-Womé-Mohamad-Geromel-Brecko-
----------Mondragon----------
Die Herausnahme des durchaus solide spielenden Marvin Matip auf der Position neben Petit lässt sich vor allem dadurch erklären, dass Pezzoni mit 1,93m ganze 10 cm größer als Matip ist, und somit neben dem selbstbezeichnenden Petit eine wichtige Lücke bei Kopfbällen schließt. Ansonsten soll das Spiel weiterhin über die Achse Petit-Antar gelenkt werden, die mit Ehret, Vucicevic und Novakovic drei schnelle Anspielstationen in die Offensive zur Verfügung haben, wobei Vucicevic auch oft an der Mittellinie seine Bälle abholt um seine Stärken im Zweikampf auszuspielen.
Das Spiel an sich ist schnell erzählt: In der fünften Minute kann Heimeroth einen schwachen Distanzschuss von Vucicevic nicht festhalten, Ehret sprintet dahin, wo eigentlich ein Torjäger wie Novakovic hingehört und schießt sein erstes Ligator seit dem Nikolaustag 2003 – da spielte er noch bei Racing Strasbourg mit Danijel Ljuboja zusammen. Nur kurz später rettet Mondragon erst nach einem schönen Schuss von Marko Marin, segelt dann aber an der anschließenden Ecke vorbei, die Roel Brouwers über die schutzlose Torlinie stochert. Ab da entwickelt sich ein nicht unbedingt hochklassiges, aber immer spannendes und durchaus ruppiges Spiel, in dem besagter Marin die These Christoph Biermanns stützt, dass man so einen Spieler beim eigenen Verein liebt und beim Gegner hasst – schnell wie nochwas, dribbelstark, mit einem sicheren Auge für den freien Mann und den guten Pass und einer gehörigen Portion Theatralik, die schon im letzten Herbst dem mittlerweile nach Nürnberg gewechselten Mitreski eine gelb-rote Karte einbrachte.
Auffällig waren lediglich wenige Szenen wie zwei vergebene Chancen des trotz Formdelle immer gefährlichen Novakovic und eine beispielhafte Szene für das Gladbacher Problem: Wiederum Marin zog von rechts in den Strafraum, prüfte Mondragon, der nach links abklatschen ließ und Rob Friend schaffte es, den Ball nicht im leeren Tor unterzubringen, sondern der Linie parallel entlang in Richtung Seitenaus zu schießen, was heute von einigen Berichterstattern als Beweis Gladbacher Überlegenheit herangezogen wird, obwohl Friend, auch vom Linienrichter so erkannt, deutlich im Abseits stand.
Und so kam es, dass gegen Ende des Spiels, nach einer kläglich von Chihi vergebenen Chance, als alle sich schon mit einem gerechten Unentschieden abfanden, der nicht ganz glückliche, aber stets gefährliche Chihi steil geschickt wurde und von Gal Alberman nahe der Strafraumgrenze klar gefoult wurde. Den folgenden Freistoß verwandelte Novakovic sicher, das Unglück um Jos Luhukay nahm seinen Lauf, immerhin schien es um das Stadion herum nach dem Abpfiff recht zwischenfallarm zuzugehen, was man vor dem Spiel nicht unbedingt erwarten konnte, als sich Fangruppen beider Vereine Prügeleien lieferten und Kölner Busse mit Feuerwerksraketen beschossen wurden.
So bleibt als Fazit, dass Köln derzeit in einer Phase steckt, in der etws Spielkultur aufkommt, in der man sich aber auch einige Male auf das fantastische Innenverteidiger-Duo Geromel-Mohamad verlässt. Petit kommt langsam auch fitnesstechnisch in Köln an, geht das Tempo hier mit und kann den sich nur leicht, aber stetig verbessernden Antar meist auffangen. Fabrice Ehret schafft das Kunststück, in den allermeisten Situationen äußerst glücklos zu agieren und sich trotzdem in die Stammelf zu spielen, weil er zwei bis drei helle Momente hat, mit denen er dem Spiel eine Wendung verschaffen kann. Er und Vucicevic sind die Gewinner der letzten Wochen, die Verlierer sind Kevin McKenna, dem derzeit nur die Rolle des Nachspielzeitschinders bleibt, und Thomas Broich, der auch in Antars Formtief nie die Chance zur Bewährung auf der zentralen offensiven Mittelfeldposition bekam, sondern höchstens mal als Rechtsfuß auf dem linken Flügel verschenkt wurde. Zudem ist zu konstatieren, dass der simple Kick-and-rush-Fußball der letzten Saison langsam ausstirbt und trotzdem Tore erzielt werden. Und solange das so ist, muss man auch nicht das Fass einer Torhüterdiskussion aufmachen.
Jetzt gibt es eine Länderspielpause und danach ein Heimspiel gegen Cottbus. Es steht zu befürchten, dass Teile des Umfeldes bei einem Sieg dort wieder völlig durchdrehen – andererseits hätte man dann schon 13 Punkte und wäre schon nach einer Viertelsaison nur noch zweieinhalb Siege vom Hinrundenpunktesoll entfernt.
Mondragon (3,5) – Womé (2,5), Mohamad (2), Geromel (1), Brecko (2,5) – Petit (1,5), Pezzoni (2,5) – Ehret (2), Antar (3,5), Vucicevic (2,5) – Novakovic (1,5)
