Sportteil

Agenda 2008

Januar 13th, 2008

Jürgen Klinsmann wird die den FC Bayern ähnlich tiefgreifend verändern, wie er schon den DFB verändert hat – oder auf ganzer Linie scheitern.

Niemand wird ernsthaft behaupten, vorab mit Jürgen Klinsmann als Bayern-Trainer gerechnet zu haben, da kann man noch so oft sein ZEIT-Interview von 2007 zitieren, in dem er sich eine Zusammenarbeit mit Uli Hoeneß vorstellen konnte. Die Differenzen mit dem Typen, der nacheinander Sepp Maier und Oliver Kahn abservierte, Michael Ballack einen Wechsel ins Ausland empfahl und regelmäßig Andeutungen über seinen Wohnsitz via Münchener Boulevardmedien zu lesen bekam schienen einfach zu groß. Jedoch: Der Reformer Klinsmann tritt sein Amt bei einem Verein an, der im vielleicht größten Umbruch seiner Bundesligageschichte steckt.

Zum 30. Juni verlässt nämlich nicht nur der zunehmend lustlose und aufgeriebene Ottmar Hitzfeld den Verein, sondern mit ihm auch der ärabenennende Oliver Kahn und der ebenso wichtige Torwarttrainer Maier, mit Hitzfeld könnten einige Mitarbeiter des sportlichen Stabes weichen müssen – wie sich ein Fußballmoderner wie Jürgen Klinsmann mit einem Scout wie Paul Breitner versteht, der wiederholt und vehement die Rückkehr des Liberos in die Nationalmannschaft forderte, sei dahingestellt. Klinsmann ist das englische Vereinsmanager-Modell gewohnt und wird dies in einer Weise, wie sie in Deutschland bisher ungekannt war, umsetzen; insofern ist Oliver Kahns eher despektierlich aufgefasste Äußerung, dass er ja nie Trainer gewesen sei, gar nicht so falsch.

In den zwei Jahren, für die Klinsmann geschätzte 16 Millionen Euro überwiesen bekommen wird, wird sich der FC Bayern München nicht nur aufgrund seines Wirkens, aber maßgeblich davon beeinflusst, entwickeln. Die Frage, wer den ins Präsidentenamt wechselnde Uli Hoeneß beerbt, ist deutlich spannender als die Trainerfrage es je war,  der einmal beschrittene Weg der Topeinkäufe wird wohl endgültig eingeschlagen, was wohl auch auf die gesamte Liga abfärben wird – siehe zumindest finanzielle Großeinkäufe wie Carlos Alberto und Ciprian Marica. Dazu kommen wichtige Personalentscheidungen: 2009, nach einem Jahr Klinsmann, enden die Verträge von Spielern wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Mark van Bommel. Zugleich wird Klinsmann die Talentförderung forcieren – die Bundesliga kann sich auf weitere strategische Wegkäufe einstellen. Und zuguterletzt kann es sogar sein, dass der FC Bayern sympathischer wird – mit einem Trainer ohne Stallgeruch, mit mehr Wertschätzung für junge deutsche Spieler, mit einem guten Draht zum Bundestrainer und genug Ahnung von modernem Fußball, um ganz vorne auch in Sachen Champions League mitzuhalten.

Andererseits kann das Ganze aber natürlich auch grandios schiefgehen und die Rehhagelzeit vergessen machen. Vielleicht stößt Klinsmann ein paar Münchener Boulevardfreunde zuviel vor den Kopf, macht sich vorschnell Feinde, kommt mit Mannschaftsstützen nicht klar oder schafft sich den falschen Co-Trainer an – Guido Buchwald brachte sich ja schon schnell in Bewerbungsposition, dürfte aber als in Aachen Gescheiterter, der schon mit Spielern wie Ebbers, Nicht und co nicht klar kam, in München überfordert sein. Vielleicht stellt sich nicht der erhoffte sportliche Erfolg ein und die Verantwortlichen beginnen sich die Frage zu stellen, ob das wirklich ein solch horrendes Jahresgehalt wert ist.

Und vielleicht assimiliert sich Jürgen Klinsmann auch weit mehr, als man im Vorfeld vermutet hätte, und alles bleibt wie es ist. Das wäre eigentlich das größtmögliche Scheitern.

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