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Hauptberuf Pfeifer

November 10th, 2007

Am heutigen Freitag war wieder beeindruckend deutlich zu sehen, wer der schlechteste Kölner Spieler ist: der zwölfte Mann.

Rudi Völler hat mal gesagt, in Köln kämen die Zuschauer nur wegen der halben Stunde vor dem Spiel. Das ist nämlich die, in der die Südtribüne laut ist, die Hymne der Höhner mitsingt und ein schönes rot-weißes Bild abgibt. Seit einiger Zeit schleicht sich die Tendenz ein, dass dies abrupt mit dem Anpfiff des jeweiligen Ligaspiels endet.

Dabei ging es heute gut los. Nach 37 Sekunden schoss Patrick Helmes das 1:0, nur zehn Minuten später erhöhte der derzeit völlig außerhalb jeglicher Kategoriesphären schwebende Milivoje Novakovic. Reine Euphorie, fanatischer Support? Schön wäre es.

Denn nur 120 Sekunden nach dem Führungstreffer bekam der heute als Linksverteidiger aufgestellte Franzose Fabrice Ehret, ein absoluter Linksfuß, einen Pass den er, laufwegbedingt, mit dem rechten Außenrist annehmen und in den eigenen Lauf spielen musste. Das misslang kurz hinter der Mittellinie, der Ball sprang ins Aus. Die Mitspieler waren noch nicht besonders aufgerückt, weder wurde eine FC-Chance vergeben noch Erzgebirge Aue ein schneller Konter ermöglicht. Trotzdem begann das erste, auf einen einzigen (noch dazu ziemlich sensiblen) Spieler gerichtete Pfeifkonzert. In Führung liegend. Zuhause, in einem der besten Stadien Deutschlands.

Es kam, wie es kommen musste. McKenna war zu langsam, Klinka war zu schnell, Mondragon zu wenig im Torwarteck, 2:1. Wohlgemerkt: 2:1 für den 1. FC Köln. Aber wen wundert es: Das reicht natürlich nicht. Ab der 30. Spielminute wurden die Pfiffe häufiger, trafen nicht mehr nur (aber auch durchaus gerne) Fabrice Ehret, sondern auch Aleks Mitreski, den Vorlagengeber des 2:0.

Als dann Sekunden vor dem Pausenpfiff das saublöde, dumme und unglückliche 2:2 für Aue fiel, war es um die allgemeine Stimmung auf den Tribünen geschehen. Mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert ging es in die Kabine – wer auf dem Weg in die Katakomben noch ein Mindestmaß an Willen, Motivation und Widerstandsgeist gehabt hatte, war spätestens jetzt gebrochen – durch die eigenen Anhänger. Und falls es Christoph Daum in der Halbzeitansprache vielleicht geschafft hatte, die am Boden zerstörten Seelen wieder aufzurichten, war auch das unnütz: Die Mannschaft wurde mit dem selben Pfeifkonzert wieder empfangen, als sie eine knappe Minute vor den Auer Spielern wieder auf den Platz marschierte.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass auch nach dem (letztendlich verdienten) 3:2-Sieg nicht alle Spieler des 1. FC Köln zur Südtribüne gingen, um mit den Fans zu feiern – so ein unsolidarisches, egoistisches und unterhaltungsfixiertes Verhalten kennt man eben nicht in Freiburg, Cottbus und Istanbul. Da geht es auch nicht immer freundlich zur Sache, aber dass sich Menschen teure Eintrittskarten kaufen um von Anfang an ihren Spielern Knüppel in die Beine zu werfen – das ist wohl einzigartig im Profifußball.  Aber was ist schon normal in der einzigen europäischen Millionenstadt ohne Erstligaverein.

12 Responses to “Hauptberuf Pfeifer”

  1. Fzool

    Klasse Beitrag! Mehr brauch man dazu nicht sagen. Thumbs up!

  2. Torte

    Danke! Ich schäme mich richtig für die Idioten. Und wenn das so weiter geht gibt es bald Randale unter den eigenen Fans. Garantiert!

  3. Joe

    Vielen Dank für den sehr treffenden Bericht.

    Würde den gerne auch bei uns auf der Seite veröffentlichen.

    Wenn es natürlich möglich ist.

    http://www.colognesoccer.com

    Sportlichen Gruß

    Joe

  4. moritz

    klar, gerne, wenn du einen link druntersetzt :)

  5. Joe

    mach ich natürlich :-)

    im forum ist er schon mit link doppelt verankert.

    würde mich freuen, wenn man von dir mehr zu lesen bekommst und auch unsere bescheidene seite fütterst ;-D

    danke

    joe

  6. Wumme von der Wümme

    toller Bericht

    sprichst mir aus der Seele

  7. Christian Siebert

    “dem (letztendlich verdienten) 3:2-Sieg”

    wie der komplette Trainerstab und fast die gesamte Mannschaft leidest wohl auch Du unter Wahrnehmungsstörungen…

  8. Tobias

    War ja gestern auch im Stadion, und selbst als neutraler Beobachter, dem es ja eigentlich egal sein kann, wenn die FC-Fans unbedingt ihrer Mannschaft schaden wollen, habe ich mich maßlos geärgert. Unglaublich, was da zeitweise abging.

  9. ingo

    Zur Halbzeit werden alle ausgepfiffen und nachher wird die Humba angestimmt. Peinlich, peinlicher, FC-Fans.

  10. Philipp

    Hallo Moritz!

    Wie schon bei Mehmet Scholl: Fantastischer Beitrag!
    Die Kölner Fans sind aber in der Tat eine besondere Spezies… Immer Meister werden wollen aber nicht mit “normalem” Spielgeschehen klar kommen.

    Gruß,
    Philipp

  11. SielsdorfER

    Hallo moritz,

    ich bin soeben über Deinen Artikel gestolpert – Chapeau!

    Ich habe mir erlaubt, ihn zu kopieren (selbstverständlich mit Link!).

    Und zwar hier hin:
    http://www.transfermarkt.de/de/forum/26/1fckoeln/thread/34639/anzeige.html&p=11#p53712

    und auch hier hin:
    http://forum.ksta.de/showthread.php?p=26039#post26039

  12. Attibrethigue

    Hello!
    Nice site ;)
    Bye

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