Die Spielabsage Ashkan Dejagahs, ihre Reaktionen und sein Medienverhalten zeichnen ein trauriges Bild vom (sport-)politischen Zustand Deutschlands.
Es begann recht beiläufig am vergangenen Samstag in der Sportschau: Kommentator Steffen Simon erwähnte die Spielabsage Dejagahs in seinem Bericht des Wolfsburger Heimsieges gegen Rostock und ging dann schnell wieder zum Geschehen auf dem Platz über. Das Konfliktpotenzial war Simon offenbar ebenso wenig bewusst wie dem Mittelfeldspieler, den bis dahin außerhalb der Fußballkennerkreise wohl kaum jemand kannte.
Die Reflexe waren schnell – nach scharfer Verurteilung geifernde Journalisten fuhren mit quietschenden Reifen beim Zentralrat der Juden vor, Theo Zwanziger wurde vor die Mikrofone geschleift, ungefragte Politiker sonderten übereifrige Statements ab – zudem wanderten zwei im Kern unterschiedliche Statements des Spielers durch die Presse, eines dass von Rücksicht auf die Familie sprach, eines davon dass er mehr Iraner als Deutscher wäre.
Die zweite Rolle der Reflexe kam hauptsächlich über die Kommentare in den Zeitungen und das Internet. In Fußballforen wurde schnell hauptsächlich über den Zentralrat der Juden und Michel Friedman (warum auch immer) lamentiert, gefragt warum denn die Auschwitzkeule jetzt auch noch im Fußball geschwungen werde, Dejagah die Auswanderung nahegelegt. In der Welt durfte Thomas Schmidt an diesem Aufhänger gleich das Scheitern von MultiKulti proklamieren und die deutsche Leitkultur propagieren, in der sonst so treffsicheren Süddeutschen Zeitung vergaloppierte sich Ludger Schulze bei dem Versuch, Iran und Israel in ihren Verhaltensweisen gleichzusetzen.
Nur auf eine Idee kam niemand: Die Zustände im Iran zu hinterfragen. Fleißig wurde zwar erklärt, wann, wie und wo das Einreiseverbot für Iraner nach Israel zustandegekommen war, dass dieses Gesetz auch durch Sippenhaft durchsetzbar sei – ein böses Wort war darüber kaum zu lesen. Nun mag das eigentlich auch nicht in die Sportteile der Medien gehören, zur Klärung in den Kommentaren hätte es schon geholfen – immerhin geht es hier um ein Embargo, dessen Endziel Vertreibung und Völkermord sein sollen.
Nun hat Dejagah seine Motive ausführlicher erläutert, zeigt sich als etwas unsicherer junger Mann, der den Rummel sicher nicht wollte – und als einer mit erstaunlichem Rückgrat, der die Lüge eines Hashemian scheute. Das sollte man loben. Und alle anderen sich mal überlegen, wohin diese Woche geführt hat.
