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Immer wieder sonntags kommt die Erkenntnis, dass über Fußball nur noch in zwei Kategorien berichtet wird. Alles ist gut oder alles ist schlecht. Da wird nach wenig überzeugendem Saisonstart mit zwei Niederlagen Borussia Dortmund nicht nur von der Bildzeitung (die daraufhin vom formidablen Fanzine schwatzgelb.de aus dessen Pressespiegel verbannt wird) weit jenseits des Erträglichen zerfleischt, sondern auch in Lokalpresse und Fanforen auf die „Versager“ eingeprügelt. Drei Spieltage und Siege später ist Borussia Dortmund der viel umjubelte Bayern-Jäger Nummer eins, bevor die englische Woche aus dem Bayern-Jäger einen Abstiegskandidaten macht und zunächst mit Leverkusen, dann mit Schalke 04 ein neuer Bayern-Jäger gefunden und glorifiziert wird – bis zur Folgewoche, in der „Schlappe 02“ gegen forsche Karlsruher verliert und diesen Wanderpokal an die Badener weiterreichen muss.

In ihrer Sehnsucht nach täglichen Schlagzeilen erschaffen die Meinungsmächte zunehmend ein Umfeld, in dem sogar ein Erfolgsgarant wie Thomas Schaaf angesichts einer Vielzahl von Verletzungen im Werder-Kader und entsprechend mangelndem Erfolg nicht mehr vor beißender Kritik gefeit ist und in ihm der Schuldige für die Verletzungen präsentiert wird. Thomas Doll wird einmal mehr sein Weichei-Image zum Verhängnis, in BVB-Fanforen wird eine kritische Doll-Abhandlung eines HSV-Fans nach jeder Niederlage aufs Neue propagiert und auch Michael Skibbe wird in Leverkusen und Umgebung angesichts eines zunächst mäßigen Starts und seines eher biederen Auftretens wenig Zuneigung entgegengebracht. Bei den „gefühlten Bundesligisten“ sieht es ähnlich aus: In Mönchengladbach wird nach drei Spieltagen versucht, Jos Luhukay als Problem und Altborusse Lothar Matthäus als mögliche Lösung darzustellen, und in Köln ist Heiland Christoph Daum mittlerweile medialem Dauerfeuer ausgesetzt. Dass mit Petrik Sander in dieser Saison erst ein Erstliga-Trainer über dieses System gestolpert ist, mag mehr an mangelnden Alternativen liegen denn an grundfesten Vertrauensverhältnissen in den Vereinen.

Ernst Middendorp – mittlerweile selbst kritisch beäugt – ist kein Freund der leisen Töne. Das wissen wir nicht erst seit seiner Ankündigung vor dem Duell gegen Schalke 04, man wolle sich so lange wie möglich weit oben in der Tabelle festsetzen. Doch als er an diesem Sonntagmorgen in der Altherrenrunde im Deutschen Sportfernsehen zu Gast ist und den seitens der Redaktion sorgfältig ausgewählten Telefonmeinungen enttäuschter bis aufgebrachter Fans des VfB Stuttgart lauscht, da lächelt Ernst nur milde und überlässt die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob Armin Vehs Vertragsverlängerung ein Fehler gewesen sei und ob er dem VfB noch weiterhelfen könne, der, nun ja, Expertenrunde.

Der Fußballstammtisch im DSF Doppelpass steht dabei symbolisch für den Umgang der Öffentlichkeit mit kurzfristigem Erfolg und Misserfolg. Gerne wird im DSF Doppelpass ausführlich und andauernd über Themen schwadroniert, die bereits nach einer Minute keiner Diskussion mehr bedürfen. Hier tritt dann Sportjournalismus- und Showgröße Jörg Wontorra auf den Plan und versucht, den allgemeinen Konsens durch gewiefte Fragetechniken so lange aufzuweichen, bis die geplanten 15 Minuten für dieses Thema endlich hinter sich gebracht wurden. Dies funktioniert je nach Zusammenstellung der Runde mal mehr, mal weniger gut, am besten selbstredend dann, wenn der selbst erwählte Wortführer seines Berufsstandes und ehemalige Welttrainer Peter Neururer seinen Arbeit suchenden Schnauzbart in die Kamera halten darf. Gerne wird auch über Themen diskutiert, die sich unter Berücksichtigung des gesunden Menschenverstandes als solche von vornherein disqualifizieren. Wie zum Beispiel die Frage, ob Armin Veh – aktueller Meistertrainer und Trainer des Jahres – nach dem 9. (!) Spieltag noch die Mittel und das Durchsetzungsvermögen sein eigen nennt, das Ruder noch herumzureißen.

„Wenn sich nichts ändert, sehen wir den VfB nächstes Jahr im DSF“ befindet ein Fan am Telefon. Ein Abstieg des Meisters, der die Verantwortlichen des ehemaligen Sport- und heutigen Freizeit-, Softerotik- und Gewinnsenders gewiss mit den Ohren schlackern ließe, wird im Ländle wohl niemand erleiden müssen und noch die wenigsten für möglich halten. Dass es jedoch überhaupt bereits zu einem solch frühen Zeitpunkt der Saison nach DER Saison zu einer (Schein-)Diskussion um die sportliche Führung des Meisters gekommen ist, unterstreicht die Tendenz, dass langfristiges Denken, Planen und Konzipieren eines Vereins mehr und mehr einer kurzfristigen Befriedigung der Gelüste von Fans und Umfeld weichen muss. Das mag schon immer grundsätzlich so ähnlich gewesen sein, doch wie rasant Vereine in dieser Saison von Woche zu Woche zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt bejubelt und verspottet werden, wie sehr die Wahrnehmung von Leistungen nur noch in den Extremen Schwarz und Weiß stattfindet, scheint eine neue Qualität erreicht zu haben. Mehr denn je gilt der einzelne Spieltag, werden nach jedem Spiel neue Superlative erfunden, Gewinner und Verlierer, Favoriten und Versager, kommende Meister und Absteiger gekürt.

Aus dem Saisonsport Fußball scheint endgültig ein Happening geworden zu sein, in dem die Arbeit der Verantwortlichen und ihr Ertrag ganze sieben Tage Halbwertszeit besitzen. Und so müssen sich wohl auch Peter Neururer und Lothar Matthäus bald nicht mehr in Sachen Eigenwerbung üben, denn der nächste Vorstand wird garantiert auf erdrückend negative Presse den „Regeln des Marktes“ entsprechend reagieren.

One Response to “Sonntäglich grüßt das Murmeltier”

  1. jan

    Sehr sehr guter Kommentar. Deckt sich sehr mit dem, was ich immer häufiger denke.
    Ich würde mal so gerne einen richtig indifferenten “Joa, heute ists halt so und morgen so. Wir wissen’s doch auch nicht, wartet’s halt ab”-Artikel ohne Saisonübergreifende Pauschal-Analysen und “Eigentlich war es ja klar dass es so kommt, denn…”-Besserwissereien lesen.

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